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Markt Eschlkam
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Eschlkam – ein Blick in alte Protokolle

Obwohl wir in einer den neuesten technischen Errungenschaften sehr ergebenen  Welt leben – gerade ist die vernetzte Digitalisierung aktuell, ein Thema das im beruflichen Alltag mittlerweile alle angeht – erwächst von selbst - offenbar als ein Gegenpart dazu - in uns Menschen immer mehr das Interesse an der Geschichte unseres Volkes, unserer Heimat. Nicht nur die großen, geschichtliche Abläufe prägenden Ereignisse stehen im Vordergrund, täglich dargeboten in einzelnen Kulturprogrammen des TV, sondern in erster Linie auch die regionale Geschichte: dort wo man seine familiären Wurzeln hat, wo man arbeitet und lebt.

Deshalb möge diese kommende Artikelreihe – ergänzend zu den bisherigen chronikalen Publikationen – beitragen, den Bewohnern im Hohenbogen-Winkel Einblick darin geben, was sich vor langer Zeit, an die die Erinnerung nicht mehr reicht,  im Gemeindebereich von Eschlkam vor mehr als 100 Jahren abspielte, welche Probleme des Alltags zu bewältigen waren. Wohn- und Lebensverhältnisse sind ebenso interessant wie nicht alltägliche Vorkommnisse.  

  • Übergabe der Penzkofer-Mühle 1747

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    Das Archiv des Marktes Eschlkam darf sich eines reichen Fundus an Urkunden, Akten und auch Protokollen aus früher Zeit erfreuen. Daraus sollen in dieser und den folgenden Abhandlungen verschiedentliche Inhalte dem Leser angeboten werden, die in der 2010 vom Verfasser erstellten Geschichte des Marktes allein aus Platzgründen nicht berücksichtigt werden konnten.

    Zunächst einige einleitende Ausführungen zum Markt Eschlkam selbst: Eine zentrale und gehobene Stellung im Markt hatte neben dem Bürgermeister der jeweilige Marktschreiber, der meist eine für die Zeit herkömmliche, ja teils juristische Ausbildung genossen hatte. Mit ihm, der sämtliche Ratssitzungen protokollierte, fungierte die Führung des Marktes auch als Urkundebehörde und erledigte so die Aufgaben der heutigen Notariate. Sämtliche Kaufverträge und Übergaben der Häuser und Grundstücke, Heiratsverträge und Testamente, Bürgschaften und Leihverträge wurden vom Marktschreiber abgefasst, niedergeschrieben und gesiegelt. Mit dem Siegel des Marktes erlangten sie die amtliche Gültigkeit. Überliefert sind uns diese vielen zivilrechtlichen Verfügungen in den sog. Briefprotokollen. Von Eschlkam sind sie uns ab dem Jahr 1719 mit Unterbrechungen bis 1807 erhalten.

    Vorgestellt werden zunächst in Briefprotokollen des 18. Jahrhunderts niedergeschriebene Übergaben einzelner für den Markt bedeutender Gebäude. Wir beginnen zunächst mit einer Mühle.

    Zu den ältesten Gewerben, ausgeübt seit jeher im Marktbereich, zählt das Handwerk der Getreidemüller. Sie haben in der sozialen Struktur des Marktes einen festen Platz und einen bedeutenden Stellenwert.

    Als erster Fall sei die Übergabe der sog. Penzenmühle behandelt. Dazu einige Nennungen von Namen dieser Einrichtung in den letzten Jahrhunderten. So heißt sie im Jahr 1659 auf der „Palbersdorfermil“; 1686 „Druckhen- oder anietzo Lährnbecher Mihl“; 1688 „Truckhenmüll...DruckhenMihl“; 1694 „Pentzkhoverische Mill“; 1695 „Hannsen Pentzkhover Millern uf der Truckhenmill“; 1739 „auf der Penzkhofermihl“; 1747 „Penzenmill“; 1780 „Andrae Penzkofer Mühler auf der Truckenmihl“; 1840 „Pratzmühle, Penzenmühle“.

    Das Bestimmungswort des Erstbelegs gehört zum Familiennamen „Balbersdorfer“; dieser zum Ort Balbersdorf  bei Waffenbrunn. Die Bezeichnung „Truckenmühle“ (mundartlich „drucka“-trocken steht im Gegensatz zum Namen „Naßmühle“ – der unweit gelegenen Bäckermühle). Lernbecher ist der Name einer damaligen Bürgerfamilie in Eschlkam. Nicht behaupten konnte sich der Name „Pratzmühle“ (zu mundartlich „brods“ für Frosch). Seit 1694 erscheint der Familienname Penzkofer als Bestandteil des Mühlennamens wobei „Penz/Benz“ dazu eine Kurzform darstellt.

    Nun einzelne Inhalte aus der Übergabe der Mühle am 11. September 1747:

    Um den Steuerwert der Mühle und damit auch die sog. Notariatskosten berechnen zu können wurde sie damals mit allem Zubehör und den dazu gehörenden Gründen auf 1745 Gulden geschätzt. Im Vergleich zu anderen Anwesensübergaben eine hohe Summe; kostete doch nur Jahrzehnte später ein Kalb ca. 6-7 Gulden, ein Scheffel (222 Liter) Weizen etwa 20 bis 24 Gulden. So hatte „Maria Lährnbecherin, burgerliche Wittib (Witwe) und Müllerin auf der sog. Truckhmüll des alhiesigen Churfürstlichen Pannmarkhts Eschlcamb so aber Alter- und Leibszerbrechligkeit halber…nit selbst erscheinen können“. (Unter dem Begriff „Bannmarkt“ ist ein Markt mit eigenem Magistrat und eigener Jurisdiktion innerhalb des Burgfriedens zu verstehen, wobei der Burgfrieden hier den fest umgrenzten Gemeindebereich bedeutet).

    Vertreten wurde sie, ausgerüstet mit aller Vollmacht, von dem „Beyständter“ Caspar Penzkhofer. So übergibt sie ihre am 19. Oktober 1734 „ihr allein haimbgefallene (wohl durch den Tod des Mannes) sogenandte Trukhmühl mit den 3 Mahlgängen samt dem sehr zusambgefallenen Haus, Stadl, Stallung, Wurzgärtl item der halben Altwisen aufn untern Pernfurhrt, die Wiese vom Hausstadel bis an die Straß zwischen dem Alt- und Müllbach entlegen; dann  das Feld neben dem Staudtenweyer und dem Wisl daneben, item das sog. Peimblfeld nebst dem Spättschen Gärtl“. Zur Übergabe gehörten auch die „Haus- und Paumannsfahrnis“ (letztere sind sämtliche Geräte für den Betrieb der Landwirtschaft), das sämtlich vorhandene Vieh und das Mihlwerchzeig“ (Gerätschaften für den Müller) ihrem geliebten Tochtermann (Schwiegersohn) Wolfgang Schmaus des Rats und derzeit Ambts Burgermaister und seiner Ehefrau Catharina, ihrer Tochter“.

    Eigens wurde auch „die Ausnamb hierauf protokolliert“. Demnach erhielt die übergebende Mutter Maria Lährenbecherin  „ad dies vite“ (zeitlebens) die Herberg auf der Stuben“, (im Stall) „ein Pläzl für eine Khue und dem erforderlichen Ohrt zur Huetterey“ (Wiesengrund als Weide für die Kuh). Sollten sich die Parteien miteinander nicht vertragen können, so wäre der Schmaus „obligirt (verpflichtet) der Ausnemberin, dann (für die) Stallung und (den) Huetterplaz jährlich 4 Gulden Zins an dessen statt zu veraichen“; außerdem erhielt sie noch 4 Klafter (12 Ster) Holz für die Heizung ihres Ofens im Stübl. Zuletzt wird darauf verwiesen, dass die „Schmaus’schen Eheleutth“ verpflichtet sind, ihrer Mutter „alles das jenige zu verraichen“, was punktuell in dem Übergabebrief vom 19. Oktober 1734 bereits vereinbart wurde. Diese notarielle Niederschrift ist nicht vorhanden.

    Im Vergleich zu den heutigen Lebensverhältnissen erscheint die „Ausnamb“ der Maria Lährnbecher zunächst eher ärmlich. Sie darf aber wegen der durch die infolge vorangegangenen Kriege bedingten schweren Zeiten noch als gut vertretbar gelten. Auch sollten angesichts des baulich ruinösen Zustands der Mühle die Nachfolger wohl wirtschaftlich nicht zu sehr belastet werden. (Quellen und Literatur beim Verfasser vorbehalten)

     

    Werner Perlinger

  • Großaign und Eschlkam im Streit um den Bau eines „Krankenhauses“

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    Auch früher hatten die Gemeinden soziale Aufgaben zu erfüllen / Christliche Nächstenliebe auf dem Prüfstand !

    „Gemeinde zu Großaigen gegen die von Kötzting wegen Aufrichtung eines Krankenhauses etc. de Annis 1688 – 1690 etc.“, so lautet der Titel eines Aktes. Was war geschehen, dass sich die Dorfgemeinde Großaign am 3. Dezember des Jahres 1688 ganz „underthenig, flechentlichsten bithen“ (mit flehentlichsten Bitten) ausdrücklich an ihren Landesherrn, den Kurfürsten Max Emanuel in München wandte. Dazu folgende Vorinformation: Der Dreißigjährige Krieg war gerade mal 40 Jahre vorbei. Dagegen war eine kriegerisch virulente Bedrohung des christlichen Europa durch die Türken Jahrzehnte nach dem Dreißigjährigen Krieg in hohem Maße gegeben. Im großen Türkenkrieg, der von 1683-1699 dauerte, wehrte Österreich und mit ihm das Abendland, teilweise mit reichs-, päpstlicher und polnischer Hilfe die Angriffe ab und ging selbst zum Angriff über. Gerade unser Land Bayern war in diese Kriege immer wieder stark eingebunden. Es war deshalb kein Wunder, dass auch der Hohenbogen-Winkel, durch dessen Territorium alte Fernwege verliefen, unmittelbar an der Grenze zu Böhmen davon indirekt betroffen war.

    So waren bereits 1687, im Jahr vor dem Sturm auf Belgrad, kranke Soldaten aus Ungarn beim Heimmarsch aus den Kriegsgebieten in das Dorf Großaign gebracht worden. Sie wurden zunächst in das gemeindeeigene Hüthaus gelegt, und der Dorfhirte musste sich vorerst eine andere Herberge suchen. Mittlerweile waren im Hüthaus fünf Soldaten verstorben

    Ob dieser Vorgänge entstand Unruhe, die Bauern gerieten in große Sorge und lehnten den weiteren Verbleib kranker Soldaten in ihrem Dorfbereich kategorisch ab. So lasse sich das Hüthaus zu einem „Khrankhenhauss nit machen“, so die Begründung der Großaigener Bewohner. Mit dem deutlichen Hinweis, dass dagegen das Hüthaus des Marktes „Öschlcamb bei der Prukh“ für ein Krankenhaus einst gehalten worden sei, bittet am 3. Dezember 1688 die ganze „Dorfsgemain zum Grossaigen“, die kurfürstliche Durchlaucht möge dem Pfleggericht Kötzting befehlen, die kranken Soldaten nicht mehr zuzuführen, gleichwohl sollten für diese beim Markt „Öschlcamb (ein) Underhalt (eine Unterkunft) geschaffen werden“.

    Sofort erging am 7. Dezember von der Regierung Straubing an das Pfleggericht Kötzting der Befehl, dass, sollten wieder neue kranke Soldaten „ankhommen“, dafür das „Khranckhenhaus zu Eschlcamb bey der pruckhen aufgericht werden solle“, um sie dort einzulegen. Damit war es aber nicht getan: Die Eschlkamer widersprachen vehement, dass es im Marktbereich je ein Krankenhaus gegeben habe. „So würde doch dies ihrer...Peurischen einbiltung (der Großaigener Bauern)  nach  dahin nit zu applizieren (möglich) sein, die aus Ungarn ankommenden und mit gefährlichen Krankheiten behafften Soldaten aufzunehmen“. Der Markt wehrte sich entschlossen gegen den Vorschlag der Großaigner, ein eigenes, wenn auch sehr bescheidenes „Krankenhaus“ zu bauen.  

    In dem von der Regierung zu diesem Thema eingeforderten Bericht vom 28. März 1689 erwähnt der Pfleger von Kötzting, Johann Jakob Poyssl zu Loifling nach Anfrage bei der Dorfgemeinde Großaign, ob „bey der Pruckhen vor dem Markht Eschlcamb“ einst ein Krankenhaus des Marktes gestanden sei, die Dorfgemeinde gebe einhellig vor, mittels alter Bürger von Eschlkam selbst zu beweisen, dass früher dort ein Krankernhaus gestanden und vom Markte erbaut und unterhalten worden sei. Deshalb erwarte er dazu die weitere Entscheidung der Regierung, was zu tun sei.

    Grundsätzliche Frage war nämlich, ob das Krankenhaus bei der Brücke allein nur für die Bürger des Marktes, oder auch beispielsweise für die aus Ungarn, oder „anderen Ländern mit ankhlebigen (ansteckenden, gefährlichen) Khrankheiten behafft gewesene...fremde Persohnen angesehen, und erpauth gewesen seye“ Alle befragten Bürger sagten aus, es sei bei der Brücke (wohl an der Seite auf Eschlkam zu) einst ein kleines Heusl, gestanden, zerstört aber im Schwedenkrieg. Zwei alte Leute hätten dort gewohnt.  Niemals aber seien damals Bürger noch kranke Soldaten in diesem Haus untergebracht gewesen. Auch habe eine Nachschau in den Marktrechnungen aus dieser Zeit dafür keinen einzigen  Hinweis erbracht. Daraufhin forderte am 2. Juni die Regierung vom Pfleger in Kötzting und von den Großaignern in dieser Sache einen weiteren Bericht.

    Die Angelegenheit zog sich hin. Erst am 11. August 1690 berichtet Pfleger Poyssl, dass er die „aydliche“ Erfahrung eingeholt habe.  Voraussetzung für die Auswahl der zu befragenden Personen war, dass diese einen „ehrlichen Leimueth“ (guten Leumund) hatten.
     
    Die „aidliche erfahrung“

    Als erste Persohnn wurde Georg Spätt, Burger und Gastgeb zu Eschlcamb, über 80 Jahre alt, vernommen. Demnach sei vor 60 Jahren innerhalb der „Pruckhen zu Eschlcamb ein Armes Haus“ (Armenhaus) gestanden und eine Arme, das „Stelzenweib“ genannt, habe dort gelebt. Damals habe es weder kranke Soldaten noch andere kranke Leute gegeben. Daher wisse er nicht, ob es für die Kranken erbaut worden sei. Auch wisse er nicht, welches Haus im Schwedenkrieg abgebrannt und seither nicht mehr aufgebaut worden sei. Die inhaltlich gleiche Aussage machten der 75 Jahre alte Bürger und Schreiner Wolf Zilckher und der Schuhmacher Hans Preu, 83 Jahre alt.  

    Wolf Pongraz von Stachesried, 70 Jahre alt, bestätigte, dass innerhalb der Brücke bei Eschlkam ein „Heusl“, genannt das „Pruckh Heusl“, gestanden sei. Darin hätten damals ein armes Weib und der „Todtengraber“ gewohnt. Der (schwedische) Feind habe es niedergebrannt. Den früheren Zweck des Hauses kenne er nicht.

    Als fünfte Persohn sagte Wolf Pongratz aus, 72 Jahre alt. Er erinnerte sich an das kleine Häusl innerhalb der Brücke. Darin hätten die Armen und „Petlleith“ gewohnt, „die man hin.: und wider gefihrt, hinein gelegt“. Damals war es wie andernorts auch üblich, wandernde Bettelleute, denen ein längerer Aufenthalt in der Gemeinde nicht erlaubt wurde, im sog. Armenhaus für kurze Zeit, oft nur einen Tag, unterzubringen. Aber eine Nutzung für kranke Personen wisse er nicht. Der über 70 Jahre alte Paulus Prändl von Großaign erinnerte sich an das ehemalige Stelzenweib und auch an die sogenannten „Pruckhmädl als arme . 2 . Weiber (die sich dort) aufgehalten, auch an die Petlleith, wanns von ainem Orth zum andern geführt worden, seien diese in dieses Haus gebracht worden, was auch die meisten Bettler wünschten, da sie dort von dem Pruckkmedl oder (der) Margarethin, welches gar ein fleissiges Weib gewest, gefihrt werden khönnen“. Ob aber diese Einrichtung damals als ein Krankenhaus genutzt worden sei, wisse er nicht, sondern nur die Zerstörung im Dreißigjährigen Krieg.

    Mit diesen Ausführungen schließt unvermittelt die Akte. Wahrscheinlich verzichtete die Regierung darauf, diese Angelegenheit weiter zu verfolgen. Offenbar endete bald auch die Belastung der Dorfgemeinde Großaign mit durchziehenden, kranken Soldaten aus dem Türkenkrieg.

    Resümee

    An die 320 Jahre sind diese Vorkommnisse her. Zwei Parteien haben wir vor uns: Einmal die Bauernschaft von Großaign, dann die Bürger des Marktes Eschlkam. Früher war es üblich, dass die einzelnen Gemeinden aus dem christlichen Gebot der Nächstenliebe heraus den Ortsarmen, auch kranken Personen ohne Ansehen der Person eine Wohnung und auch eine soweit wie mögliche Verpflegung wenigstens für eine kurze Zeit zu gewähren hatten. Die Ortsarmen, die damals keine Gemeinde gerne haben wollte, mussten aus der Kommunalkasse unterhalten werden. Verstarb dann ein Bettler oder eine der Gemeinde zugewiesene völlig mittellose Person, so hatte die Gemeinde letztlich auch für eine Grabstelle und ein einfaches christliches Begräbnis zu sorgen.

     

    Werner Perlinger

  • Als Anna Schneider in Eschlkam den Hebammendienst antrat

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    Hebammen verrichteten sehr früh schon im Hohenbogen-Winkel ihren nicht leichten Dienst. Er war sehr verantwortungsvoll, da damals Frauen häufig im „Kindsbett“ verstarben. Ignatz Semmelweis, ein ungarisch-österreichischer Arzt, der den Umstand, dass Bakterien, ausgelöst durch ungereinigte medizinische Geräte, für die nahezu immer tödliche Erkrankung der Frauen verantwortlich waren, hatte gerade erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts diese Ursachen klar erkannt und auch in Fachkreisen veröffentlicht. Seine Erkenntnisse wurden lange Zeit nicht akzeptiert. Umso wichtiger waren in dieser Zeit für die Kleinstädte, Märkte und das Land gut ausgebildete Hebammen, die es verstanden, hygienisch sauber zu arbeiteten und den gebärenden Frauen in ihrer schweren Stunde Hilfe leisten konnten. Dazu vorerst noch ein Blick zurück.

    Das frühe Hebammenwesen – weise Frauen helfen

    Das Hebammenwesen ist alt. Sog. „weise Frauen“, die sich auf vielerlei Heilverfahren und medizinische Mittel dazu verstanden und vor allem eine entscheidende Hilfe bei Geburten geben konnten, gab es zu allen Zeiten. Sprachgeschichtlich alt ist daher auch der Begriff „Hebamme“. Ihm liegt die altgermanische Wortverbindung „heba amma“ zugrunde. Er entwickelte sich etwa seit dem 9. Jahrhundert aus dem althochdeutschen Wort „Hefihamma, Heuima, Heuammen“ für die Geburtshelferin. Das Wort wurde volksethymologisch an das geläufige Wort „Amme“ für die Nährmutter angelehnt, das seinerseits ursprünglich ein Lallwort der Kindersprache ist.
    Die Geschichte der Geburtshilfe reicht weit zurück in die frühe Menschheitsgeschichte. Dem Ursprung nach ist Geburtshilfe eine solidarische Hilfe, die sich Frauen gegenseitig leisten. Bereits im Alten Testament wird unterschieden zwischen Hebammen, die für die eigentlichen Geburten verantwortlich waren und Ärzten, die die Komplikationen nach der Geburt behandelten. Mitte des Zwanzigsten Jahrhunderts gab es wohl den größten Wandel in der Geschichte der Geburtshilfe. Die Ursache dafür war die Verlagerung des Geburtsgeschehens in die Klinik und die Etablierung einer eigenständigen Geburtsmedizin.

    Beginnen die archivalischen Nachrichten über ein geordnetes Hebammenwesen im Markt Eschlkam erst vor der Mitte des 19. Jahrhundert, so scheint es die Einrichtung von Hebammen im Gemeindebereich schon weit früher gegeben zu haben.

    Wir schreiben das Jahr 1841: Am 18. September berichtet ein Protokoll, dass die bisher im Markt tätige Hebamme Theres Pach – verwandt mit dem Kunstmaler Alois Bach – unlängst gestorben ist. Demnach wurden sämtliche Gemeindevorsteher des sog. Hebammen-Distrikts Eschlkam vorgeladen um über eine Wiederbesetzung des nun vakanten Distrikts zu beraten. Eine Lösung schien sich in der Person der Hebamme Katharina Überreiter abzuzeichnen. Diese stammte aus Neukirchen b. Hl. Blut, wo ihre sehr betagte Mutter ebenfalls noch als Hebamme tätig war. Das Landgericht Kötzting, eingeschaltet in die ganze Angelegenheit, hatte gegen die Aufnahme der Überreiter als Hebamme in Eschlkam keine „Erinnerung“ (Einwand), verwies jedoch auf die Tatsache, dass beim Tode der Mutter dem Markt Neukirchen ein Einberufungsrecht gegenüber der Überreiter zustehe. Letztlich ordnete die Behörde an, dass die Katharina Überreiter zur Verpflichtung in Eschlkam am 23. Oktober 1841 in Kötzting zu erscheinen habe.

    Am 28. Juni 1842 berichtet der Magistrat Eschlkam, dass die Katharina Überreiter bereits am 18. September 1841 als Hebamme des „allhiesigen Distrikts“ aufgenommen worden sei, der Gemeinde Neukirchen wohl das „Einberufungsrecht zustehe“, diesem aber die neue Hebamme, würde ihre Mutter sterben, „förmlich des Distrikts entsagte.“ Vielmehr sollte den Neukirchner Bereich künftig ihre Schwester Anna Überreiter, auch eine ausgebildete Hebamme, übernehmen. 

    Einige Jahre später waren die Bewohner des Distrikts Eschlkam mit der Arbeit der Hebamme nicht mehr zufrieden und man suchte nach einer neuen Lösung, um die Überreiter los zu werden. Festgestellt wurde am 14. Juli 1845, dass sie in Eschlkam nur provisorisch aufgenommen worden sei, auch nütze sie wenig und die Bevölkerung hätte kein Vertrauen in sie. Vor allem wurde moniert, dass die „jetzige Hebamme Katharina Überreiter eine unzüchtige mit 3 unehelichen Kindern versehene Weibsperson ist“. Besser wäre es, sie täte ihren Dienst in ihrem Herkunftsort Neukirchen, da diese Gemeinde „ihrer Annahme nichts im Wege legt“. Dahinter steht selbstverständlich auch die Überlegung der Nachbargemeinde, dass sie deren Ausbildung finanziert habe, diese nun aber für Eschlkam zum Tragen komme.

    Zugleich war für den Hebammen-Distrikt Eschlkam eine neue Situation entstanden. Der Magistrat wollte auf Dauer eine aus dem Marktbereich stammende Hebamme, und so bot sich nun eine Lösung in der Person von Anna Schneider an. Am gleichen Tag, den 14. Juli 1845 meldet der Magistrat an das Landgericht Kötzting: „Anna Schneider junge und ehrbare Burgers Tochter hat sich um den Hebammendistrikt Eschlkam als eintretende Hebamme bey der Magistratur Eschlkam angemeldet, indem die jetzige Hebamme Katharina Überreiter nur provisorisch aufgenommen und für die Marktgemeinde Neukirchen als eintretende Hebamme bestellt ist, worüber keine Widerrede nicht vorliegt. Der Anna Schneider ihre löblichen Zeugnisse, bestehend aus 6 Produkten, werden in Urschrift gehorsamst vorgelegt und selbe Bestands empfohlen.“

    Offenbar genügte die Ausbildung der höheren Behörde noch nicht, denn am 23. Juli 1845 wird berichtet, dass die neue Hebamme Schneider „in die Lehre nach München geschickt wird.“ Für die „Erlernung dieser Kunst…schoß der Hebammen Distrikt Eschlkam 100 Gulden vor“. Diese mussten „gefälligst (sofort) an den Vorstand der Hebammen Schule in München“ überwiesen werden. Am 9. August musste „die Hebammskandidatin Anna Schneider, Bürgerstochter aus Eschlkam“, sich dem Landrichter in Kötzting vorstellen. Noch am 10. Januar 1846 musste der Markt 20 Gulden an die Schule in München nachzahlen. Ein weiteres Schulgeld in Höhe von 36 Gulden wurde als „Sustentations-Beitrag“ (Unterstützung) je nach wirtschaftlicher Lage als „Repartition“ (anteilsmäig) auf die Gemeinden Eschlkam, Schwarzenberg, Großaign, Stachesried, Warzenried und Kleinaign umgelegt. Grundlage dafür war das jeweilige Steueraufkommen, wobei Großaign mit einem Steueraufkommen von 688 Gulden (fl) mit 8 fl den höchsten Betrag lieferte, dahinter Schwarzenberg (637 fl zu 7 fl), Eschlkam (475 fl zu 5 fl) und Stachesried (420 fl zu 5 fl) und letztlich Warzenried (404 fl zu 4 fl) und Kleinaign (363 fl zu 4 fl).

     

    Werner Perlinger

  • Als sich der Räuber Michael Heigl im Hohenbogen-Winkel herumtrieb

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    Viele Bewohner des Hohenbogen-Winkels kennen so manche Begebenheit aus dem Leben des Räubers Michael Heigl vom Kaitersberg, denn oftmalen ist über ihn schon geschrieben worden. Geboren im Jahr 1816 in Beckendorf bei Kötzting, war der Sohn eines Tagelöhners zunächst Hütejunge bei einem Bauern und begann dann eine Ausbildung zum Schlosser in Furth bei dem Schlossermeister Peter Aunzinger, der 1830 aus Kötzting in die Grenzstadt zugezogen war. Als er im Further Pfarrhof das Schloss einer Truhe reparieren sollte, fand er darin einen stattlichen Beutel voll Geld, ließ seinen Meister in Stich und flüchtete damit aus der Stadt. Wegen dieser Tat und anderer Umtriebe stand Heigl seit 1841 unter Polizeiaufsicht. Nachdem er in Kötzting als fahrender Händler ohne Gewerbeschein verhaftet wurde, floh er 1843 aus einem Straubinger Gerichtssaal in den Bayerischen Wald. In den Folgejahren beging der Einzelgänger seine Raubzüge hauptsächlich in der Kötztinger und Viechtacher Gegend wie auch im Hohenbogen-Winkel und er kam bei seinen Streifzügen sogar bis in die Gegend von Landshut. Mehrere Jahre verbrachte Heigl auch im damaligen Ungarn (heute die Slowakei).

    Als häufiger Aufenthaltsort und Versteck diente ihm die sogenannte Räuber-Heigl-Höhle auf dem Kaitersberg unterhalb des Kreuzfelsen. Da Heigl bei seinen Streifzügen vor allem reiche Bauern und auch Pfarrhöfe heimsuchte, erfreute er sich bei den ärmeren Volksschichten großer Sympathie und breiter Unterstützung. Doch durch den Verrat eines früheren Kumpanen entdeckte man sein Höhlenversteck. Am 18. Juni 1853 wurde er dort gefasst und 1854 in Straubing zum Tod durch Enthauptung verurteilt. Nach einem Gnadengesuch wandelte König Max II. die Todesstrafe in eine lebenslange Kettenstrafe um. Wegen guter Führung wurde er nach einem Jahr vom Zuchthaus in Straubing nach München ins Gefängnis in der Au verlegt. Aufgrund seines vorbildlichen Verhaltens erhielt er 1856 dort eine Aufpasser-Stelle übertragen. Durch Kooperation mit dem Gefängnispersonal war er bei mehreren Mitgefangenen unbeliebt geworden. Deshalb erschlug ihn am 5. Januar 1857 ein Mithäftling mit der Kugel einer Fußkette, die diesem ein Zellengenosse überlassen hatte. Der Mörder und sein Mittäter wurden zum Tod verurteilt und im April 1857 in München mit dem Schafott hingerichtet. Heigl‘s Skelett bewahrte die Anatomie in München auf, wo es 1944 ein Bombenangriff zerstörte und so verloren ging. Soviel zur Person Heigls.

    Tatsächlich beinhaltet auch das Marktarchiv Eschlkam Unterlagen, die sich mit der Person Heigl’s befassen. So wandte sich das Landgericht Kötzting am 19. November 1852 an die Marktbehörde in Sachen „Die flüchtigen Verbrecher Michael Heigl und Michael Reimer betreffend“. Eingehend auf das jüngst erst vorgekommene „Raubverbrechen zu Eckelshof und das so schauderhafte Verbrechen des Raubmordes zu Hinterhudlach (gelegen am Kaitersberg), seien dies ebenso traurige als lautsprechende Beweise von dem tieferschütterten Zustande der öffentlichen Sicherheit“, so der Landrichter Carl von Paur in Kötzting. „Wenn auch der Raubmörder der Bäuerin von Hinterhudlach bereits in den Händen der Justiz ist“, so seien auf freien Fuße noch „die Räuber Michael Heigl von Beckendorf und Michael Reimer von Ansdorf“, teilte die Behörde in dem Markt Eschlkam mit. „So lange diese beiden Verbrecher nicht aufgegriffen sind, ist es unerlässlich nothwendig, daß die bekannte Verordnung über die Nachtwachen, über die Dorfwachen an Sonn- und Feiertagen während des Gottesdienstes und über die Bewachung der Einöden durch Zuhausebleiben >wehrhafter Mannspersonen< erneuert und in strengen Vollzug gesetzt werde“. Beauftragt wurde der Bürgermeister von Eschlkam, diese Verordnung sofort bekannt zu machen. Geldstrafen wurden angedroht, sollte man nicht Folge leisten, und auch eine Belohnung wurde ausgesetzt für denjenigen, der über den Verbleib beider gesuchten Räuber verlässliche Auskunft geben könne. Anzunehmen ist, dass von den Pfarrern gerade das Zuhausebleiben von Familienmitgliedern während der Gottesdienste von der Kirche wohl nicht gerne gesehen wurde. Jedoch wurde die Vermeidung räuberischer Überfälle höher bewertet.   

    Erhalten ist auch ein Schreiben des Kötztinger Landrichters Carl von Paur vom 3. Juni 1853 mit dem Titel: Dem flüchtigen Heigl für Störung der öffentlichen Sicherheit betreffend; Demnach würden erfahrungsgemäß die Sommermonate Juni, Juli und August und September „von Michl Heigl, seinen Genossen und anderem Diebsgesindel zur Ausführung von Diebstählen und Raubverbrechen benutzt“. Gerade ein Diebstahl von 150 Gulden in Geld und Geldeswert in der Nacht des 1. Juni beweise dies. Insbesondere wurden im Juni 1847 von Heigl und seinen Genossen „7-8 Raubverbrechen“ verübt. Der Landrichter weist darauf hin, dass mehrere dieser Taten „an Sonntagen während der vormittägigen Gottesdienste verübt, wo nur Weibspersonen zu Haus gelassen wurden“, wie dies der Raub in Simmerleinöd am Kaitersberg beweise.

    Landrichter von Paur appellierte an die Bevölkerung von Eschlkam dringlichst, „nächtlicher Weile die Hausthüren sorgfältig zu schließen und sich gegen einen allenfallsigen Überfall zu rüsten“. Ferner werden die Tag- und Nachtwachen „strengstens eingeschärft und die vielfach in dieser Beziehung erlassenen Verordnungen ernstens wieder ins Gedächtnis aller Gemeindemitglieder zurückgerufen“. Die Gendarmerie, das Gerichtsdienerpersonal und die Gemeindediener wurden auch in Eschlkam beauftragt, die Einhaltung dieser Verordnungen strengstens zu überwachen. Diese amtliche Bekanntmachung wurde am 15. Juni in Eschlkam sämtlichen „Gemeindegliedern vorgelesen“, was diese am Protokoll durch ihre eigenhändige Unterschrift bezeugten. Was der Landrichter noch nicht wusste, wenige Tage später, am 18. Juni wurde Heigl mit seiner Gefährtin nahe seiner Höhle am Kaitersberg gefasst und für immer in Gewahrsam genommen.

    Ebenso wenige Tage vor der Festnahme von Michael Heigl wurde am 11. Juni 1853 eine Verordnung über den verbotenen „Hausierbrodhandel“ erlassen, denn man hatte festgestellt, dass der „flüchtige Verbrecher Michl Heigl von sogenannten Brodhändlerinnen Unterstützung erhielt“. Deshalb wurde „allen jenen unansässigen, obrigkeitlich mit einer Licenz zum Brodhandel nicht versehenen Personen ohne Ausnahme der Brodhandel“ verboten“. Dass diese „Hausiergeschäfte“ blühten beweist die Tatsache, dass „ganze Dorfschaften ohne Bäcker“ seien, so die amtliche Feststellung, und deshalb ihr Brot „von auswärts kommen lassen“ mussten.  Auch war damals die Lage die, dass im Hohenbogen-Winkel viele Bewohner in den Einöden und die Häuselleute im Gegensatz zu den Bauern mangels der nötiger Grundmittel und auch geeigneter Backöfen nicht in der Lage waren ihr eigenes Brot zu backen.

    In Eschlkam lebt bei manch älteren Mitbürgern noch die Überlieferung fort, dass Heigl bei einer Verfolgung durch die Gendarmerie in der Heuhofer Mühle sich unter dem drehenden Mühlrad verstecken und sich so vor dem Zugriff bewahren konnte.

     

    Werner Perlinger

  • Die Übergabe des späteren Gasthofs Penzkofer

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    Die Übergabe eines großen Gutes in wirtschaftlich schwieriger Zeit

    Handelte der letzte Beitrag von der Übergabe der sog. Penzenmühle am Ortseingang von Eschlkam, so sei – fortsetzend unsere Reihe über interessante Inhalte im Marktarchiv von Eschlkam – nun ein Besitzerwechsel des Gasthofes Penzkofer dargelegt, den vor über 250 Jahren die Familie Schmirl innehatte. Diese geräumige Hofanlage ist der im Markt topografisch höchstgelegene der sog. „Hoamater-Höfe“, die sich entlang der Straße nach Neukirchen b. Hl. Blut am Berg aneinanderreihen.

    Im 13./14. Jahrhundert waren es nach Aussage des herzoglichen Urbars (Steuerbuch) im Markt Eschlkam zunächst zwei Altsiedel- oder Urhöfe, sog. Fron- oder Herrenhöfe auf Herzogs- und Königsgut. Die Silbe „vron“ oder „fron“ bedeutet in mittelhochdeutscher Sprache dem Herrn zugehörig. Sie waren dann ein Teil des „Aigen ze Eschenkambe“ in der markgräflichen Epoche und kamen schließlich nach dem Jahr 1204 in wittelsbachisch-herzoglichen Besitz.

    Diese ursprünglich zwei Höfe dürfen im Markt derzeit mit vier Anwesen in Verbindung gebracht werden:
    Gemeint sind damit die Anwesen Gasthaus zur Post (beim Obermeier-Xaver Penzkofer), Josef Pfeffer (Hoamater), Xaver Späth (beim Späth`n) und der „Brücklbäck“ (früher Elektro-Seiderer- jetzt Ernst und Stefan Fenzl). Die ersten drei liegen an der Straße nach Neukirchen in einer Reihe am Berg, der vierte leicht abseits an der den Markt durchquerenden Straße nach Neumark/Vseruby, das heutige Anwesen Fenzl. Diese vier Anwesen sind aufgrund besonderer Gegebenheiten aus den beiden in den Steuerbüchern des 14. Jahrhunderts genannten Altsiedelhöfen gewachsen. Die beiden Fronhöfe waren siedlungsgeschichtlich von Anfang an da. Daher rührt auch der sinngebende Hausname „Haimater“ oder „Hoamater“, dem die Begriffe „Heim“ bzw. „Heimat“ zugrunde liegen. Diese Güter besaßen auch die besten Grundstücke im landwirtschaftlichen Umgriff des Marktes.

    Im 18. Jahrhundert gehörte der damalige Gasthof mit ausreichender Ökonomie der Familie Schmirl. Nun stand im Jahr 1747 ein Besitzerwechsel an. Nach dem Ableben von Franz Paul Schmirl, „geweßter resignirter Burgermaister und Gastgeber“, stellten am 6. Februar der Bürgermeister und seine Markträte für den noch ledigen Sohn Franz Anton Schmirl einen sog. Ankunftsbrief (Urkunde über Besitzeinweisung, bzw. Besitztitel) für die Übernahme des Anwesens aus. Der Hof mit allen dazugehörenden Gründen wurde dabei auf 7742 Gulden geschätzt, ein damals in unserer Gegend sehr hoher Betrag. Auslöser für diese Maßnahme war ein am 27. Januar erlassener Befehl der kurfürstlichen Regierung in Straubing „zur Vermeydtung der vor Augen gestandtenen Gandt Formierung“, zugleich aber auch dafür, dass die Gläubiger ihre Ansprüche nicht verlören.
    Das gesamte Erbgut wurde von verpflichteten „Schätzleiten“ begutachtet. Es waren dies die zwei „Haimbetern“ (Hoamater) Hans Preu und Hans Georg Schreiner (beide Nachbarn), ferner der Lederer Hans Paumbgartner und der Müller Josef Müller.
    Ausgehend von einer Schätzsumme von 7742 Gulden musste der junge Schmirl allein an den Grafen Alexander von Lerchenfeldt auf Gebelkoven, den Hauptgläubiger der Familie, an „heyrige Ostern“ 1000 Gulden bar erlegen und im Folgejahr 1508 Gulden. (Die Herren von Lerchenfeld gehören zum altbayerischen Uradel. Wir treffen sie immer wieder als Inhaber hoher Ämter in den einzelnen bayerischen Regierungen. Zweige der Familie bestehen bis heute). Wieso Schmirl gegenüber dem Grafen so hohe Schulden hatte ist vorerst näher nicht erläutert. Die Gläubiger mit „klaineren Schuldtposten“ seien mit Grundstücken zu „contentiren“ (befriedigen). Letztliche Schulden mussten hypothekarisch abgesichert werden.
    Es war für den jungen Schmirl, der 1752 Anna Maria Mauser heiratete, eine über längere Zeit hin schwere Bürde, die er aber im Laufe der nächsten Jahre zu meistern hatte.

    In einem Vertrag vom 1. Juli 1747 wird betont, dass die Familie Schmirl in den „jüngst verflossenen Kriegszeiten durch die viele zu prostieren gehabte Anlag (Kriegsanleihen) und Quartirs in eine solchen Schuldenlast verfallen“ sei. Gemeint sind die enormen Belastungen, die der Österreichische Erbfolgekrieg (1740-1742) infolge Einquartierungen und sonstiger Kriegsleistungen für die besitzenden Bürger im Hohenbogen-Winkel mit sich brachte. Die Kosten für die Einquartierung und Verpflegung von Soldaten wurden vom Staat meist nicht mehr ersetzt. In diesem gleichen Vertrag verpflichtete sich der Gutsübernehmer auch für seine drei Geschwister insgesamt 1050 Gulden auszuzahlen, verständlicherweise aber in kleinen Raten. Genannt werden der Bruder Johann Nepomuk, bedienstet beim Salzamt in Straubing, ferner seine Schwester Anna Catharina Späth, Frau des Wirts Veith Späth von Großaign (Wirtshans) und Theresia, Frau des Franz Bittig. Dieser war vorher Corporal bei den Graf Fuggerischen Dragonern. Laut Inhalt des Briefprotokolls vom gleichen Jahr war der junge Schmirl gezwungen, etliche Grundstücke zwangsweise zu verkaufen um sein Gut nicht zu verlieren. In den Besitz dieses Anwesens war der Vater Franz Paul Schmirl am 7. Juli 1715 durch Einheirat in die Familie Altmann gekommen. Diese Familie war lange im Besitz dieser Hofanlage.

     

    Werner Perlinger

  • Die erneute Übergabe des „Schmirl“-Anwesens in Eschlkam

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    Als „Austrägler“ mit der Kutsche gerne unterwegs

    Berichteten wir im letzten Beitrag über den Besitzerwechsel des derzeitigen Gasthofes „zur Post“ im Jahr 1747, so stand gut 25 Jahre später erneut die „Übergab“ der gleichen „burgerlichen Gastgeber Behausung“ der Familie Schmirl an, seit 1955 im Besitz der Familie Penzkofer.

    Aus dem Übergabevertrag lesen wir:
    So übergeben „der Edl Veste und Wohlweise Herr Frantz Antoni Schmirl Burgermaister alhir zu Eschlkam“ und seine Frau Anna Maria am 10. Mai 1776 unter Beistandsleistung von Michael Grauvogl, „burgerlichen Baadern“, ihre am 6. Februar 1747 durch „obrigkeitlichen Ankonfts Titl an sye (sich) gebrachte … burgerliche Gastgebs Behausung“ ihrer „geliebten eheleiblichen Jungfrauen Tochter Maria Anna, noch ledig“. Genannt wird auch deren künftiger Ehemann Josef Weber, Sohn des Wolfgang Weber, „gewesten Bauern am Sternberg (der nach 1946 abgegangene große Sternhof bei Rothenbaum), Cameral Unterthan in Böhmen“ (steuerlich zur böhmischen Hofkammer in Prag gehörig).

    Weiter sind in der Niederschrift des Briefprotokolls aufgeführt die Stallung, Stadel, Wurz- und Grasgarten, Felder und Wiesengründe; ferner 4 Zugpferde, 24 Stück Rindvieh – „außer es ergebete sich eine sonderheitliche Vieh Seuche, welches Gott gnädlich verhindern wolle“. Zur Übergabe zählten noch zwei „Schweins Mütter“ (Muttersauen), 2 Dutzend zinnerne Teller, 1 Dutzend gleiche Schüsseln, „3 Gastbetter“ (für die Übernachtung von Reisenden) samt übrigen „Haus- und Paumanns Vahrnuß“ (häusliches Mobiliar und landwirtschaftliche Gerätschaften).

    Erinnern wir uns unter welchen finanziellen Schwierigkeiten Franz Anton Schmirl den Besitz seiner Eltern im Jahr 1747 übernehmen musste, so kann bei jetziger Übergabe festgestellt werden, dass Schmirl in den knapp 30 Jahren überaus gut gewirtschaftet hatte. Der Wert der gesamten Immobilie mit Zubehör wurde nun auf stolze 8000 Gulden geschätzt. „Siglzeugen“ dieses Vertrages waren die Bürger des Marktes Thomas Stauber, Uhrmacher und Stefan Hastreiter, Schmied von Eschlkam.

    Am gleichen Tag, dem 10. Mai, wurde für das Ehepaar Schmirl auch ein „Ausnahms Brief hierauf“ ausgefertigt. Darin versprach das junge Ehepaar den Schwiegereltern „ad dies vitae“ (zeitlebens) nachfolgenden Austrag: 

    1. Den Bau einer „Ausnahmswohnung“ (entweder musste für die übergebenden Eltern im vorhandenen Hauskomplex als Altenteil eine Wohnung neu eingerichtet oder gar ein eigenes Ausnahmshaus erworben oder gebaut werden).
    2. An Getreide 4 Ell (1 Ell oder „oel“ entsprach als Getreidemaß ½ Scheffel=111 Liter oder ca. 1,5 Zentner) Weizen, 10 Ell Korn, 2 Ell Gerste, 6 Ell „Habern“ und 2 Viertl (= 1 Metzen=ca. 35 Liter) „Arbes“ (Erbsen)
    3. Jährlich 36 Köpf (1Köpf=3/4 Liter) Schmalz, an Milch vom 1. Mai an bis Jakobi täglich 2 „Maaß“ und von Jakobi bis wiederum 1. Mai täglich 1 Maß, und zwar vom „Stahl aus“ (frisch gemolken); ferner an Kraut 5 Schock (1 Schock=60 Stück) „Hauel“ (wohl Häupel); von beiden Gattungen Rüben 2 Ell, also 4; dann 4 Ell „Erdapfl“, 12 „Bischl Spän“ (Kienspäne für die Beleuchtung) und 15 Klafter Holz gratis und letztlich täglich 2 Maß „Pier“.
    4. Auch müssen die Übernehmer 3 Mutterschafe samt deren Lämmer mit den ihrigen füttern und auf die „Waid“ (Weideplatz) ein- und ausgehen lassen.
    5. Ferner dürfen die Übergebenden im „Wurzgarten“ den dritten Teil der Beete nützen. Auch erhalten sie vom Baumgarten den dritten Teil des geernteten Obstes. Gewährt wurde auch der freie Zutritt zum Brunnen (und die Nutzung des) Back = der „Köstloffen“ (Backofen, versehen zusätzlich mit einem seitlich eingebauten eisernen „Höllhafen“ zum Kochen von Kartoffeln). Zur Verfügung musste auch ein Krautbottich gestellt werden, ebenso ein Platz im Keller für die Rüben und Kartoffel; ebenso genügend Platz für die „aufhängung der Wesch“ und im „Hühner Stübl“ für die „hinterbringung des Gfliehs“ (Geflügel).
    6. Wollten die Austrägler eine Reise unternehmen, waren „ein Pferd und der Gutscher ohnentgeltlich“ zur Verfügung zu stellen.

    Endbetrachtend kann gesagt werden, dass bereits damals der Kartoffelanbau im Hohenbogen-Winkel eingeführt war. Gerade dieser Umstand trug dazu bei, arge Hungersnöte wie beispielsweise in den Jahren 1771/72, ausgelöst durch klimabedingte Missernten bei Getreide, künftig auszuschalten. Nicht allein der mit 8000 Gulden hoch veranschlagte Wert des zu übergebenden Anwesens zeigt im damaligen Markt Eschlkam die ökonomisch gehobene Stellung der Familie Schmirl, vielmehr auch der Umstand, dass das Austragsehepaar – in dieser Zeit für den bäuerlichen Stand gewiss selten – gerne  „ausfuhr“ und hierfür die besitznachfolgende  Tochter stets eine Kutsche mit Pferd zur Verfügung stellen musste.

     

    Werner Perlinger

  • Als einst in Eschlkam Recht gesprochen wurde

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    Aus den Rats- und Verhörsprotokollen von 1685 und 1687

    Im Archiv des Marktes Eschlkam finden sich unter den älteren Vorgängen neben den Kammerrechnungen auch Rats- und Verhörsprotokolle. Es ist ein reichhaltiger Fundus, der uns teils sehr anschaulich das Leben der Bürger im Markt vor über 300 Jahren vor Augen führt.

    Das älteste Protokoll des Marktes, in dem die Thematik und der Verlauf von Ratssitzungen verzeichnet sind, stellt sich dem Leser als ein dicker in Schweinsleder gebundener Foliant vor, der die Niederschriften mehrerer Jahre beinhaltet. Das erste Protokoll über eine Ratssitzung datiert vom 25. Juni 1683. Die innere Titelseite trägt den Hinweis: Deß Churfürstlichen Marckts Eschlchmab angefangen den 25. Juni anno 1683. Die Eintragungen enden mit der Ratssitzung vom 12. Dezember 1695.

    Aus diesem Fundus mit insgesamt 381 Doppelseiten seien an dieser Stelle einige Inhalte vorgestellt, um so in das Leben der Marktbürger und die Alltagsprobleme vor über 300 Jahren einen Einblick zu erhalten. Wir wollen zunächst einige Vorgänge aus dem Jahr 1685 vorstellen. In der neuen Ortsgeschichte vom Jahr 2010 war das Jahr 1686 gewählt worden.

    Der Sitzung vom 5. Juli 1685 standen vor der „Ambts Burger Maister“ Wolf(gang) Stephl, Wolf Sighart Altmann und Andre Hastreiter des Inneren Rats; dann Valentin Haidlfinger, Hans Fleischmann, Wolf Späth, der Jüngere und Peter Oswaldt als Mitglieder des Äußeren Rats. 

    Ein Thema unter vielen war die „Abstrafffung mit dem Stockh im Markhthaus“. Demnach hatte Stephan Mauser, „Baader Jung“ (Lehrling), gegenüber dem Wundarzt von Viechtach, Joachim Jung „unzimbliche Röden (Beleidigungen) ausgesprengt“. Dafür wurde er zur Strafe zu 12 Stunden in den Stock „condemnirt“ (bestraft). Demnach wurde der Sträfling meist von 12 Uhr mittags bis 6 Uhr abends in den Stock gespannt. Der Stock war entweder im Rathause selbst oder öffentlich davor auf Marktgrund aufgestellt. Jeder, der vorbeikam, konnte so den mit Füßen und Händen jeweils zwischen zwei Balkenriegeln eingespannten Delinquenten hänseln und verspotten.

     

    Bildtext: Diese Stockstrafe, wo ein oder gleichzeitig mehrere Delinquenten öffentlich in den „Stock“ gespannt waren, wurde in allen Kommunen, die über die >Niedere Gerichtsbarkeit< verfügten, in der Regel bei Ahndung von Beleidigungen und Raufhändeln angewendet. Vor den Verurteilten steht das Gericht mit dem Richter, der eben das Urteil verkündet und begründet. Als Symbol für Gerechtigkeit, aber auch als Zeichen für den Eintritt der Rechtskraft hält er ein großes Schwert in seiner rechten Hand.

     

     

     

     

     

    (Bildnachweis: Gefangene im Stock, aus Tenglers Laienspiegel, 15. Jahrhundert)

     

    Ein neuer Kelch für den Gottesdienst

    Auf Bitten des Pfarrers beschloss der Marktrat für das „St. Jakobi Gottshaus weillen solches zur Ehr Gottes geraicht“, für 30 bis 36 Gulden einen silbernen Kelch anfertigen zu lassen, der dann vergoldet wurde. Da im Dreißigjährigen Krieg, vor allem im Jahr 1634, Eschlkam von den Schweden gar arg heimgesucht worden war, konnte nun 50 Jahre später erst diese Investition für die Kirche getätigt werden.  

    Im gleichen Jahr erhielt Hans Zilkher, Schuster und Inwohner, die Erlaubnis auf einer vorhandenen „Prantstatt“ (Brandstätte wohl noch vom Schwedenkrieg her) eine bürgerliche Behausung zu erbauen. Die endgültige Genehmigung zog sich jedoch noch eine gewisse Zeit hin.

    Rüge für Lehrer Wilhelm Hager

    Dem Lehrer wird vorgeworfen, er verrichte seinen Schuldienst sehr nachlässig, so dass die Jugend „mit Lesen und Schreiben schlechtlich, mit dem Rechnen gar nit unterwissen worden“. Abhilfe wurde gefordert. In den Jahren 1670 und 1681 ist in Furth als „Schulmaister und Organist“ ein Ignatius Hager nachweisbar. Beide werden wohl zueinander verwandt gewesen sein, vielleicht waren sie sogar Brüder.

    Zwei Jahre später, in der Sitzung vom 13. Januar 1687 fordern die Kufner Wolf Korherr und Georg Harpfinger in ihrer Eigenschaft als Viertelmeister, dass Andre Hastreiter als Bürgermeister sein „Schuehmacher Handtwerch würklich“ aufgebe. Widrigenfalls wolle die gesamte Bürgerschaft es dem Bürgermeister und den Markträten überlassen, ob sie Hastreiter ohne Verrichtung des Bürgermeisteramtes noch im sog. Innern Rat (die Geschworenen) belassen wollen. Hastreiter bittet, sein Handwerk erst in einem Vierteljahr aufgeben zu dürfen. Daher ersuchte er den bisherigen Bürgermeister Wolf Sighart Altmann (Besitzer eines Hoametrhofes-heute Penzkofer) bis dahin das Amt zu versehen.

    Der „Schüzenmaister“ (der Name ist nicht genannt; Ausbilder für die Mitglieder der Grenzfahne am Ort) fordert, dass die Bürger Hans Hastreiter, Schuhmacher; Peter Lährnbecher, Weißbäcker; Wolf Zilkher, Schneider und Peter Thirankh, Weißbäcker obrigkeitlich angehalten werden, an den Schießübungen teilzunehmen. Es war damals hinreichend bekannt, dass die Bürger gerne oft die Exerzierstunden versäumten. Georg Vaist bittet, dass ihm zu seinem „Hauswurzgarten“ (Gemüsegarten) „noch ain Örtl (kleine Fläche) auf Gemainen Markhts Grundt“ gegeben werde. Nach vorgenommen Augenschein durch die Markträte wurde seine Bitte genehmigt.

    Wiederaufnahme des „Preumaisters“

    Hainrich Spätt, Bürger und Prauner Preumaister (im Kommunebrauhaus), bittet den Marktrat ihm künftig den „Preudienst widerumben zuüberlassen“. Die Bürgerschaft selbst hatte aber vorbringen lassen, dass sie aufgrund zahlreich eingegangener Beschwerden mit ihm „gar übel zufriden seint“. Nach längerer Aussprache dazu wurde er dann (wohl mangels geeigneten Ersatzes) doch wieder mit der Bierherstellung im Kommunebrauhaus beauftragt.

    Am 27. August 1687 wurde der Inwohner Hans Vogl sechs Stunden im „Markhthaus condemniert“ (eingesperrt - Gefängnisraum im Rathaus), da „er sich fräventlich understandten“ ein Mutterschwein unter die „Herdt zetreiben“; auch hat er ein Schwein im Markt herumlaufen lassen. Außerdem wird ihm klar erklärt, dass er als Inwohner (nur Mieter – kein Hausbesitzer) kein Schwein austreiben dürfe.

    Den „Würthen und Pierzäpflern“ (Inhaber der Taferngerechtsame) wird bei einer Strafe von 2 Reichstalern verboten, die Gäste noch nach 9 Uhr nachts – „er möge sein wehr er wolle“ – „zächen“ zu lassen. Ausgenommen wurden nur „Landtraisstige“ (durchreisende Personen).

     

    Am 12. Dezember 1687 klagt der Inwohner Wolf(gang) Vogl den Bürger und Hufschmied Georg Altmann an, dieser habe sein „Söhnl auf dem veldt ohne gegebne Ursach mit ainen Stekhen dergestalten tractiert, das der Bueb als principal (nahezu gänzlich) ganz verschwollen gewesen“. Nach längerer Beweisaufnahme wurde Altmann, da er dem Buben „ainen Straich über den Kopf zuegefüget“ und es ihm nicht gebührt „selbst aigener Richter zu sein“ von 12 bis 4 Uhr im Rathaus eingesperrt.

    Das sind nur einige Fälle, mit denen sich der Marktrat als Gerichtsbehörde zu befassen und dann abzuurteilen hatte.

     

    Werner Perlinger

  • Ein Großbrand in Eschlkam im Jahr 1852

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    In der Nacht vom 16. auf den 17. Mai 1852 suchte den Markt ein Großbrand heim. Betroffen davon waren die Anwesen des Joseph Neumaier (Gasthof Penzkofer) und des Georg Leitermann (Miethaner). Durch das Feuer vernichtet wurden dabei nicht nur einzelne Wirtschaftsgebäude; vielmehr waren auch die Wohngebäude sehr stark in Mitleidenschaft gezogen, wie es einzelne Akteninhalte uns offenbaren.

    Gerade wegen damals neuerer baulicher Auflagen der Regierung und den damit verbundenen weit höher als vorgesehen entstehenden Kosten gestaltete sich der Wiederaufbau für Neumaier mehr als schwierig. Dazu kam, dass der Schadensersatz von der Landesversicherungsanstalt mangels Vertragsinhalte mit dem Brandleider nicht in dem Maße geleistet werden konnte wie es wegen der von der Genehmigungsbehörde angeordneten Auflagen zunächst nötig gewesen wäre. Daher stellte der Gastwirt Joseph Neumaier als Brandleider am 12. Juli 1852 im völligen Einvernehmen mit der Marktbehörde an die Königliche Regierung von Niederbayern, hier an die Kammer des Innern, ein „Baudispensationsgesuch“ (Befreiung von Bauvorschriften). Auf 19 eng beschriebenen Seiten, verfasst in Anwesenheit des Bürgermeisters Moreth vom damaligen Marktschreiber Joseph Anton Beutlhauser, lässt Neumaier, der gegen die baurechtliche Vorgaben „Berufung“ eingelegt hatte, seine durch den Brand schlimme wirtschaftliche Lage erklären, um so von einzelnen Bauauflagen befreit zu werden. Inhaltlich erfahren wir so, dass um die Mitte des 19. Jahrhunderts das Wohnhaus und die Stallung gemauert, das Wohnhaus mit Schneidschindeln gedeckt, der Stall mit Legschindeln und der Stadel „durchaus von Holz erbaut und mit einer Dachung von Legschindel versehen“ waren.

    Dazu: die älteste Schindelform ist die Legschindel. Sie wurde einfach auf die Lattung gelegt und zur Befestigung mit Stangen und Steinen beschwert. Eine Spalt- oder Schneidschindel wird hergestellt, indem eine Rohschindel von einem geraden, feinwüchsigen und astfreien Holzblock mittels Schindelmesser und Schlägel abgespalten und mit dem (Reif)messer auf der „Heinzelbank“ nachbearbeitet wird.

    Neumaier wollte dann den Stadel „von Stein erbauen“ und den Viehstall mit Legschindeln wieder eindecken. Das Wohngebäude versprach er „mandatsmäßig herzustellen“(entsprechend den amtlichen Vorgaben). Seine Berufung gründete er auf seine nunmehrige ökonomische „Unvermögenheit zur besseren Bauausführung“ und vor allem auf den Umstand, dass „in hiesiger Gegend großer Mangel an Ziegelmaterial ist“. Dennoch sollte er die Dächer sämtlicher Wirtschaftsgebäude gleich dem Wohnhause mit Ziegeln eindecken, da er auch im Besitze eines Ziegelofens sei. Zunächst listet er seine Vermögensverhältnisse auf. So sei sein Anwesen 13.000 f (Gulden) und das in Schwarzenberg 10.000 f wert. Dagegen stünden Hypothekenschulden in Höhe von 14.000 f und die Currentschulden (laufende Schulden) betragen 3.000 f. Dagegen waren seine Immobilien aber nur mit 800 f versichert, „weil das uralte Gemäuer des Gasthauses größtentheils nur mit Lehm und Bruchsteinen aufgeführt war“. Gar nicht versichert waren bei der Landesversicherungsanstalt seine „Mobiliarschaft“. So betrachtet war Neumaier insgesamt gesehen enorm unterversichert.

    Möbel mussten neu angeschafft werden, ebenso die Einrichtung seiner Gästezimmer. Auch gingen die Kleider und die Wäsche gänzlich verloren, „bis auf das einzige Hemd, welches ich (während des Brandes) am Leibe trug“. Neumeier erklärt auch, dass seine große Ökonomie – dazu gehört auch die Einöde Kuchelhof, von wo er im Jahr 1839 nach Eschlkam zog und sich dort einkaufte - auf Grund des rauhen Klimas bei weitem nicht die Erträge bringe, um damit auch nur einigermaßen die kommenden Kosten des Wiederaufbaus zu tragen. Völlig ungeeignet für die Herstellung der nötigen Dachtaschen sei auch der von seiner Kapazität her erwähnte Ziegelofen: Straubing sei für den Bezug von Dachziegeln zu weit (18 Stunden Transportzeit). Von der Stadt Taus habe er wohl für das Wohnhaus mehrere tausend Dachtaschen erhalten. Aber wegen des kürzlichen Großbrandes in Neumarkt (Vseruby) – 34 Häuser gingen dabei zugrunde – könne Taus nicht mehr nach Bayern liefern. Ebenso spricht Neumaier den Mangel an geeigneten Kalk an. Vier Maurer habe er für den Wiederaufbau des Wohnhauses beschäftigt, aber mangels Kalk sei er gezwungen, den Weiterbau einzustellen, da er aus Kötzting und von den Helmhöfen (bei Rittsteig) wegen der allgemeinen großen Nachfrage keinen Kalk mehr bekäme. Allein zur Bedachung seiner Ökonomiegebäude würde er 80.000 Stück Ziegelplatten brauchen, was ihm allein 1240 f kosten würde. Müsste er streng nach den vorgegebenen amtlichen Richtlinien die niedergebrannten Gebäude wieder herstellen, „wäre es mir nicht möglich, dieses große Opfer zu bringen: ich wäre gezwungen, Haus und Hof und alles zu verlassen und dann als Bettler abziehen“, so Neumaier abschließend.

    Uneingeschränkt unterstützt von der Marktführung erhielt er am 22. August 1852 schließlich die gewünschte, teilweise „Baudispensation“. Er durfte seine Ökonomiegebäude, bestehend „in Stadel, Stallung und Schupfe“ im Gegensatz zum Wohn- und Gasthaus aufgrund seiner durch den Großbrand verursachten angespannten finanziellen Lage nun doch mit „Legschindeln decken, daß jedoch der Stadel und Stall mit Feuermauern und die Schupfe mit einer Giebelmauer versehen werden“.

    Stark mitgenommen vom Brande war auch sein Nachbar Georg Leitermann. Das Wohnhaus war nur im Erdgeschoß gemauert. Den ersten Stock bildete ein herkömmlicher Blockbau aus Holz. Für seine Wirtschaftsgebäude – der Stadel war gezimmert und mit Schneidschindeln gedeckt - musste er wegen der jeweils nahe angrenzenden Nachbarsgebäude verschiedentlich sog. Brandmauern hochziehen.

    Mit den heute üblichen, damals jedoch als sehr streng erachteten neuen Vorschriften, vor allem für die Eindeckung der Dächer, wollte die Landesregierung aufgrund der vielerorts anzutreffenden Holzbauweise immer wiederkehrende Großbrände ein für alle Mal verhindern. Bestes Beispiel dafür wie verhängnisvoll geschindelte Dächer sein können, bietet die Stadt Furth: Am 29. Juni 1863 brannte die ganze Osthälfte der Stadt nieder. Nur zwei Gebäude blieben verschont, da sie bereits eine Ziegeldachung hatten. Es waren dies das 1862 erbaute Amtsgericht und das Bürgerhaus Mondscheinstraße 1.

     

    Werner Perlinger

  • Der Handelsmann Karl Müller - sein Schicksal in Eschlkam und in Furth im Wald

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    „Polizeiliche Untersuchung gegen die Schreinerstochter Anna Maria Kaufmann von Eschlkam wegen öffentlicher Beschimpfung des Handelsmannes Karl Müller“, so lautet der Titel eines Aktes im Gemeindearchiv von Eschlkam, datiert auf das Jahr 1854.

    Was war geschehen: 1839, am 6. April erwarb Karl Müller, amtlich bezeichnet als „ein Mensch von besten Leumunde“ und geboren als Brauersohn 1818 in Egg, Pfarrei Böbrach, Landgericht Viechtach, durch „Gandtkauf“ um 4000 Gulden das Bürger- und Krameranwesen der Johann Pöschl’schen Eheleute (Nr. 25, heute Waldschmidtplatz 8) mit den dazugehörigen landwirtschaftlichen Gründen. Vor der Familie Pöschl war Besitzer Josef Breu. Müller war Neubürger und hatte es in den nächsten Jahren in seiner Eigenschaft wohl nicht leicht als Krämer vor allem aber auch als Mensch mit den Marktbürgern zurecht zu kommen. Er scheint sich Feinde geschaffen zu haben: So habe im Mai des Jahres 1854 die ledige Tischlerstochter Anna Maria Kaufmann im Markte das Gerücht „ausgestreut, daß der Krämer Karl Müller von hier in der Prozeßsache des H. Pfarrers Karl Pittinger gegen Katharina Schmirl wegen greller Beschimpfung, in welcher Müller als Zeuge kürzlich beim kgl. Landgericht Kötzting vernommen worden ist, einen falschen Eid deshalb abgelegt habe, weil er, Müller, in seiner Vernehmung angegeben, daß er den H. Pfarrer Pittinger einmal abends um ½ 10 Uhr auch im Kaufmann’schen Hause dahier gesehen habe.“ Es ging also um zwei für eine Gemeinde, wo jeder jeden kennt, sehr brisante Angelegenheiten die schnell Thema des allgemeinen Tratsches wurden: Einmal um Meineid, dann vielleicht auch um ein „verdächtiges Verhalten“ des damaligen Ortspfarrers Pittinger in einem Privathause.

    Müller saß irgendwie in der Klemme. Er klagte beim Vermittlungsamte des Marktes gegen die Kaufmann wegen „Ehrenbeleidigung“. Ein anberaumter „Vergleich“ (Sühneversuch) im Rathause scheiterte, da die Kaufmann „nicht nur nicht zu einem Widerrufe zu bewegen war, sondern fest behauptete, daß Karl Müller in der oben erwähnten Prozeßsache (des Pfarrers Pittinger gegen Katharina Schmirl) einen falschen Eid abgelegt habe….“ Da dem Müller, seinen Mitbürgern und vor allem dem Magistrat „alles daran gelegen ist, daß der Bürger, Gemeindebevollmächtigte und Kirchenpfleger Karl Müller von der großen Beschuldigung des Meineides offiziell gereinigt werde“, wurde die Angelegenheit an das Landgericht Kötzting weiter geleitet mit der Bitte, eine strafrechtliche Untersuchung „einleiten zu wollen“.

    Die Sache kam ins Rollen. Auf Anfrage des hohen Gerichts meldete der Markt, dass die Kaufmann „auf dem Waschplatze zunächst der Penzkofer Mühle in Gegenwart mehrerer Wäscherinnen am Bach der Magd des Müller, Helene Hornik, ohne eine Veranlassung zugerufen habe, „sage es deinem Dienstherrn, daß er und Herr Pater Capistran (vielleicht aus Neukirchen b. Hl. Blut beigezogen) falsch geschworen haben …“. Auch der Vater der Kaufmann, Schreinermeister Michael Kaufmann, soll im Gastraum des Wirtschaftspächters Kolbeck unter Anwesenden geäußert haben, dass Müller, „der schlechteste Kerl zu Eschlkam ist, weil er falsch geschworen habe“. Das Landgericht forderte am 20. Juli von der Marktführung hinsichtlich der Kaufmanns ein „genaues und umfängliches Leumunds- und Vermögenszeugnis“.

    Der Akt des Marktarchives endet unvermittelt am 3. März 1855 mit der Vorladung des Schreinermeisters Michael Kaufmann und seiner Tochter vor das „Appellationsgericht“ in Kötzting. Wie die Sache für Müller vor dem Landgericht in Kötzting ausgegangen ist, vermittelt uns der Akt nicht.

    Karl Müller verkaufte laut Brief am 29. Januar 1858 sein Anwesen an Joseph Lackerbauer und verließ noch im gleichen Jahr mit seiner Familie Eschlkam und nahm seinen Wohnsitz in der Stadt Furth im Hause Bayplatz 4 (heute Raiffeisenbank), wo er ebenfalls eine Krämerei mit Gasthaus betrieb.

    Aber auch hier konnte sich Müller auf Dauer nicht halten: 1863, am 29. Juni zerstörte ein großer Brand völlig die östliche Hälfte der Stadt vom Gasthof „zum Bay“ hinauf bis zur Bahnbrücke. Wohl aufgrund der vergangenen Vorfälle in Eschlkam und Querelen mit einem seiner Nachbarn wurde er der Legung u.a. auch des großen Stadtbrandes verdächtigt. Der angrenzende Nachbar, der Müller Simon Eberl beschuldigte Müller einen späteren Brand am 27. Oktober 1863 in dessen Anwesen gelegt zu haben. In den Sammlungen des Staatsarchivs Amberg hat sich das Urteil gegen Karl Müller erhalten. Demnach erkannte am 24. Januar 1865 das königliche Bezirksgericht Neunburg vorm Wald in Sachen Karl Müller, Wirt von Furth wegen Brandstiftung zu Recht: „Karl Müller, katholisch, 46 Jahre alt, verheirateter Gastwirt von Furth, ist schuldig des Vergehens einer (einmaligen) strafbaren Bedrohung (die Anklage beinhaltete zunächst drei Vergehen gefährlicher Bedrohung  durch Auslegung von drei Branddrohbriefen), verübt an den Bewohnern der Stadt Furth und wird mit Gefängnis von einem Jahre und sechs Monaten bestraft.“ Ein Motiv für die Abfassung eines Brandbriefes war, dass Müller wegen ständiger Auseinandersetzungen mit seinem Nachbarn, dem Müller Eberl, Angst schüren und sich auf diese Weise rächen wollte. Vom Vorwurf der vorsätzlichen Brandstiftung, vor allem der Legung des Stadtbrandes im Jahr 1863 und anderer folgender Brände, das sei an dieser Stelle ausdrücklich betont, wurde Karl Müller freigesprochen. Müller verstarb am 16. Juli 1878 in der Grenzstadt in Anwesen Stadtplatz 3.

     

    Werner Perlinger

  • Als der Zollbeamte Adalbert Schmidt von Eschlkam sich auf Freiersfüßen befand

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    Dem Vater von „Waldschmidt“ wurde die Heiratserlaubnis zunächst nicht gewährt.

    Es ist kaum zu glauben, dass der Zollbeamte in gehobenen Dienst, Adalbert Schmidt, in Eschlkam, seinem Dienst- und Wohnort, vom Marktrat – das sind die jeweils im Amte seienden Gemeindebevollmächtigen – erhebliche Probleme bereitet wurden, regulär eine Ehe eingehen zu können.

    Wir schreiben das Jahr 1828: Am 19. Oktober wendet sich der königliche Zollbeamte Schmidt an den Magistrat mit dem Hinweis, er habe am 29. August  um die „Verehelichung Licenz“ mit der hiesigen Bäckerstochter Katharina Kilger (damals Haus Nr. 58 – nun Blumengasse 2) nachgesucht, was am 1. September auch bewilligt worden war. „Nachdem es aber der Katharina Kilger gefallen hat“, so Schmidt, „diese eingeleitete und sehr mit gediehenen Heuraths-Angelegenheit gänzlich zu annullieren, so ist der Unterzeichnete hierdurch veranlasst den hochlöblichen Magistrat um gefälligen Aufschluss zu bitten, ob die ihm  mit der obgenannten Katharina Kilger ertheilten Heurats Licenz auch dan(n) geltend gemacht werden könne, wenn der Unterzeichnete ein anderes nicht aus Eschlkam gebürtiges Frauenzimmer zu ehelichen Absicht hätte, oder ob für einen solchen Fall eine besondere Licenz erforderlich wäre. Einer bald gefälligen Rückäußerung sieht entgegen, der mit aller Hochachtung bestehende  K(önigliche) Zollbeamte Schmidt.“

    In der Biographie des berühmten Sohnes von Schmidt, dem Schriftsteller Maximilian Schmidt, wird der Vater Adalbert als Zollinspektor geführt. Er war also in führender Position am damaligen Zollamte in Eschlkam beschäftigt.

    Der Marktrat reagierte auf das Ersuchen des ortsansässigen Zollbeamten erstaunlicher Weise nicht. Schmidt wandte sich deshalb am 13. Januar 1829 erneut an den Magistrat zunächst mit dem Hinweis, zwölf Wochen seien bereits verstrichen, „ohne daß ich über meine Anfrage ein Resultat erhielt“. Er bat erneut um Antwort und ergänzte, „daß mein gegenwärtiger Heuraths Gegenstand Fräulein Caroline Karg (sei) die Tochter eines verstorbenen Fürst Kemptischen Hofraths und bayerischen Kasten(Steuer) Beamten gleichen Namens ist (Johann Jakob von Karg, Hof- und Kabinettsrat).“ Schmidt führt noch an, dass die Braut nicht ohne Vermögen sei und „ein gebildetes Frauenzimmer mit dem besten Leumuth (Leunmund) versehen“ sei.

    Schmidt bittet die anfänglich schon erklärte Heiratsbewilligung auch für „meine gegenwärtige Braut gültig zu erklären“, u.a. auch deswegen weil „Staatsbedienstete einer Gemeinde nie zur Last fallen, daher der Magistrat in dieser Beziehung nichts zu befürchten hat, und die Ertheilung der Heuraths Licenz für k(önigliche) Beamte blos als eine gesetzliche Formalität zu betrachten ist.“

    Sollte der Magistrat einen Entschluss fassen, so Schmidt weiter, bittet er bei einer abschlägigen Antwort um deren Begründung. Auch mahnt der Zollbeamte dass Heiratsanfragen „nach allerhöchster Bestimmung längstens binnen 6 Wochen erledigt werden müßen, und ich gegen diese höchste Anordnung schon 12 Wochen von dem löblichen Magistrat in meiner Sache hingehalten wurde, die schon längst im Reinen sein könnte.“

    Erst am 4. Februar, drei Wochen später, antwortete der Magistrat des Königlich baierischen Marktes Eschlkam mit dem Hinweis, „daß, nachdem die Gemeindebevollmächtigen hirzu nicht gut gesagt (zugestimmt) haben, (der) Bittsteller mit seinem Gesuche abgewiesen sey.“ Eine Begründung dafür lieferte die Marktbehörde nicht. Und damit endet der Akt.

    Man stelle sich die Situation in Eschlkam vor: Einmal die aus welchen Gründen auch immer nicht zustande gekommene Ehe mit einer ortsansässigen Bürgerstochter. Der Beamte Schmidt, der in Zollangelegenheiten oft mit der Marktbehörde zu tun hatte und dazu die Bewohnerschaft, die wohl gerne mehr Hintergründiges in einer solchen Angelegenheit erfahren hätte. Die Gerüchteküche war wohl am Brodeln. Dennoch nahm die Angelegenheit ein offenbar gutes Ende. Der Zollinspektor Adalbert Schmidt heiratete Caroline Karg, aber, so die Auskunft der Ehematrikel, nicht in Eschlkam. Nachdem sich die Lage beruhigt hatte, erblickte drei Jahre später am 25. Februar 1832 Maximlian Schmidt, der spätere gefeierte Literat, genannt „Waldschmidt“, das Licht der Welt.

     

    Werner Perlinger

  • Eine Lateinschule für Eschlkam?

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    Wir schreiben das Jahr 1829. Da erreichte am 30. Mai 1829 den Markt ein Schreiben der Regierung des Unterdonaukreises mit der Anfrage, ob es möglich wäre im Markt eine Lateinschule zu errichten. Lateinschule (lateinische Schule), seit dem ausgehenden Mittelalter jede gelehrte Schule, deren Hauptlehrfach und Unterrichtssprache das Lateinische war. Bis zur Säkularisation im Jahre 1803 fanden sich in Bayern diese Schulen hauptsächlich in den zahlreichen Klöstern. Als diese aufgelöst waren wurde der Mangel solcher Einrichtungen allzu offenkundig. Die Stadt Cham besaß seit dem 16. Jahrhunderte eine Lateinschule. Auch in Neukirchen b. Hl. Blut existierte im Franziskanerkloster eine solche Anstalt hauptsächlich als Vorbereitungseinrichtung für einen folgenden Gymnasialbesuch. Es war König Ludwig I. - er regierte von 1825-1848 - der nicht nur manche seit 1803 säkularisierten Klöster wieder reaktivierte, wie z. B. in den Jahren 1830 Metten und 1838 das wittelsbachische Hauskloster Scheyern, sondern auch die Entstehung von Lehranstalten wie die Lateinschulen auf breiter Ebene förderte.

    Es war der 30. Mai 1829, da erreichte vom Landgericht Kötzting aus den Markt ein Rundschreiben der Regierung des Unterdonaukreises, ausgestellt in Passau, ob in diesem Fall in Eschlkam eine lateinische Schule von drei, zwei oder wenigstens einem Kurse errichtet und fundiert werden könne. Dafür habe die damit zu beglückende Gemeinde ein „angemessenes Lokal hierfür auszuwählen sowie die Mittel, wodurch der Gehalt der Lehrer und die nothwendigen Kosten auf Unterhaltung des Gebäudes“, sicher bereit zu stellen. Außerdem habe der Magistrat über die Vorteile zu informieren, die eine solche Einrichtung gerade auch in einer kleineren Marktgemeinde für die Bürger mit sich bringe. Unterschrieben hat diesen Rundbrief der Regierung der (Staats)sekretär Sartorius.

    Die Eschlkamer Bevölkerung wurde über diese Pläne der Regierung informiert und bereits am 11. Juli verfasste der Marktschreiber ein zur Sache ausführliches Protokoll. Es ist „aufgenommen worden in Versammlung der gesamten Bürgerschaft des Marktes Eschelkam bey Ablesung des erschienen neuen Studienplanes lediglich wegen Errichtung lateinischer Schulen in Städten und Märkten“. Vom Gemeinderat waren anwesend: Bürgermeister Schmirl und die Markträte Michael Kaufmann, Anton Riederer, Georg Schreiner und  als Marktschreiber Wolfgang Pach. Hinsichtlich der auf den Markt zukommenden Kosten, sollte sich eine solche Bildungseinrichtung etablieren, wurden die Bürger ausführlich unterrichtet.

    Der erste Punkt der Stellungnahme lautet: „Allein, wiewohl der Nutzen und Vortheil in mehrfacher Beziehung darin zu ersehen ist, so kann man hierorts dennoch nicht sofort den Gebrauch machen eine lateinische Schule zu errichten, weil es hiesigen aus 78 Häusern bestehenden Marktes an (dafür) nachzuweisenden Mitteln gebricht und an und für sich schon zu unkräftig und schwach ist“ (wirtschaftlich einfach unmöglich eine solche Einrichtung zu finanzieren). Dieses Protokoll unterzeichneten eigenhändig folgende Bürger: Joseph Weber, Joseph Schneider, Michael Maidinger, Joseph Pfeffer, Ignatz Koller, Joseph Römisch, Wolfgang Korher, Joseph Fleischmann, Jakob Fischer, Franz Leuthermann und Joseph Scheppel.

    Am gleichen Tag noch, den 11. Juli, schickte der Marktmagistrat von Eschlkam an das Landgericht Kötzting die sich wiederholende protokollarische Erklärung „mit dem Anfügen, dass man hierorts zu unkräftig und schwach ist, eine solche (gemeint ist die Lateinschule) errichten zu können“.

    Dazu sei angemerkt, dass der Markt erst einige Jahre zuvor, das „Metzger-Florehaus“ (Nr. 24 - heute Waldschmidtstraße 1) angekauft und es zum ersten regulären Schulhaus eingerichtet hatte. Eine neue Einrichtung wie eine Lateinschule hätte andererseits aber für den Markt als zentral gelegener Ort im Hohenbogen-Winkel eine erhebliche Aufwertung bedeutet. Allein die Möglichkeit scheiterte daran, dass die mit dieser weiteren Schuleinrichtung entstehende zwangsläufig neue ökonomische Situation den Markt und seine Bürger schlicht überfordert hätte.

    Eigentlich tat sich in solchen Angelegenheiten der damalige Staat leicht. Ohne entsprechende finanzielle Hilfen in Form von geeigneten Zuschüssen animiert er Städte und Märkte wegen der bildungspolitischen Folgen, entstanden durch die Aufhebung der Klöster ab dem Jahr 1803, die Bildung im Lande zu forcieren und anzuheben. Andererseits sei festgestellt, dass der damalige bayerische Staathaushalt stets in Engpässen verharrte, da neben den vielen allgemein zu erledigenden Aufgaben die vom König ohne Rücksichtnahme auf die Belange der Bevölkerung initiierten Prachtbauten in der Landeshauptstadt und nicht zuletzt die meist aufwendige Hofhaltung der wittelsbachischen Regenten das vorgegebene Haushaltbudget stets gar arg belasteten.

     

    Werner Perlinger

  • War ein Giftanschlag gegen den Pfarrer geplant?

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    Eschlkam. Wir befinden uns in der Mitte des 19. Jahrhunderts, genauer gesagt im Jahr 1853. Im Pfarrhof und auch in der Gemeinde herrscht im September große Aufregung. War ein Attentat gegen den geistlichen Herrn geplant, fragen sich die Marktbürger. Und es erfährt der hochlöbliche Magistrat, dass auf einer Wiese, die als „Widum“ zum Ökonomiepfarrhof gehörte und so der damals amtierende Pfarrer Karl Pittinger nutzen durfte, über das Gras, das täglich zum Füttern gemäht wird, das Pulver Arsen ausgestreut worden sei. Der Begriff „Widum“ bedeutet Witwengabe, oder wie in unserem Fall die Pfarrpfründe insgesamt, in Eschlkam der Haus- und Grundbesitz für den Unterhalt des jeweiligen Pfarrherrn.  

    Doch zurück zum Arsen. Dieser Stoff in Pulverform galt gerade im 19. und noch im 20. Jahrhundert bis in unsere Zeit herein als ein beliebtes Mittel für einen hinterhältig geplanten Mordanschlag mittels Gift. Noch dazu war das Arsen damals sehr leicht zu beschaffen. Auslöser dieser schwerwiegenden Vermutung war, dass ein großer Teil der besagten Wiese sich dem Betrachter durchgehend mit einem feinen weißen Staub bedeckt zeigte, daneben ebenso betroffen auch ein „großer Fleck“, der nicht zu landwirtschaftlichen Gründen der Pfarrei zählte. Die Begutachter der Wiese, das waren Pfarrer Pittinger und Vertreter des Magistrats, glaubten am 9. September, in dem Staub auf dem Gras das Gift Arsen zu erkennen.

    Höhere Behörde eingeschaltet

    Davon erfuhr einige Tage später das Landgericht Kötzting als höchste justizielle Behörde für den Bereich Hohenbogen-Winkel. Sofort erging der Befehl, das bestaubte Gras abzuschneiden und Proben davon an die Behörde zur weiteren fachlich kriminologisch ausgerichteten Untersuchung zu senden. Damit betreten wir den Bereich der Forensik - das Gebiet für wissenschaftliche und technische Arbeitsgebiete, in denen kriminelle Handlungen systematisch untersucht werden, denn Arsen war im 19. Jahrhundert als ein gerne benütztes Mordgift berüchtigt. Jahrhundertelang ließ sich Arsen chemisch nicht nachweisen. Noch um 1840 waren 90 bis 95 Prozent aller Giftmorde auf den Einsatz dieses Giftes zurückzuführen. Dazu nur ein Beispiel aus der Nachbarstadt Furth:

    Am 7. Dezember 1835 wurde Kunigunde Korherr, Binderswitwe aus Furth, wegen eines Verbrechens des Giftmordes in Cham auf der „Köpfstatt“ im Bereich des heutigen Galgenberges „mit einem einzigen zweckmäßig geführten Hieb“ mit dem Schwert von dem aus Straubing beigezogenen Scharfrichter Joseph Zangl hingerichtet. Ihr Verbrechen war, dass sie ihren Schwiegersohn Andreas Oberberger, mit dem sie häufig im Streit lag, am Ostersonntag, den 19. April des gleichen Jahres mit Arsen vorsätzlich ermordet hatte.   

    Allein von dem damaligen Wissen um einzelne Arsenmorde, die in dieser Zeit hin und wieder vorkamen, ist die Angst und Sorge Pfarrer Karl Pittingers zu verstehen. Ein arglistiger Feind plane, so vermutete er, zumindest das Futtergras für das Vieh seiner Pfarrökonomie zu vergiften. Pittinger wusste auch, dass er in der Pfarrei - er stand ihr von 1843-1859 vor - aufgrund seines manchmal sehr angespannten Verhältnisses mit dem Marktrat nicht nur Freunde hatte.

    Behördliche Anweisungen erteilt

    Der Amtsarzt des Landgerichts Kötzting, Dr. Müller, gab nun am 14. September die strikte Anweisung vorerst Sicherheitsmaßnahmen durchzuführen. So sei das mit dem weißen Staub bedeckte Gelände gründlich umzugraben, ein Stangenzaun herum zu errichten und Warnzeichen aufzustellen. Zugleich wurde angeordnet, in dieser Sache das Personal des Ökonomiepfarrhofes zu vernehmen. Befragt wurden der Großknecht Peter Obermeyer, die Großdirn Theres Kiefl und die Pfarrersköchin Barbara Adam. Ihre Aussagen überliefert uns der Akt jedoch nicht.

    Einige Tage verstrichen und am 23. September konnte nach eingehender chemischer Untersuchung der eingeschickten Substanz der Königliche Landrichter Kraus an den Magistrat von Eschlkam entwarnend berichten, dass auf die der Widumswiese benachbarten Grasfläche lediglich fein gemahlener Kalk zur Düngung ausgestreut worden sei und nicht das gefürchtete Gift Arsen. Offenbar hatte der Wind den pulverisierten Kalk auf die Wiese des Pfarrers geweht. Kalk ist nicht nur ein wichtiger Pflanzennährstoff, sondern auch ein unverzichtbarer Bodendünger, was viele Bauern im Hohenbogen-Winkel damals wahrscheinlich noch nicht wussten. 

    Dem Pfarrer Pittinger und auch den anderen damit befassten Personen dürfte ein großer Stein vom Herzen gefallen sein. Trotzdem: man hätte nur den angrenzenden Nachbar als den wohl eigentlichen Verursacher fragen müssen, und es hätte die ganze Aufregung und die geschilderten Abläufe erst gar nicht gebraucht.

     

    Werner Perlinger    

  • Vor 140 Jahren für treue und gute Arbeit im öffentlichen Dienst belohnt

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    Eschlkam. „Die Verleihung einer allerhöchsten Auszeichnung an Gemeindediener Franz Pinzinger in Eschlkam“, so beginnt ein Schreiben, datiert vom 26. Juli 1880, des damaligen kgl. Bezirksamtmanns Möhrl (heute wäre das der Landrat) vom Landgericht Kötzting an den Herrn Bürgermeister von Eschlkam. „Seine Majestät der König (damals Ludwig II.) haben laut höchster Entschließung des kgl. Staatsministeriums des Innern am 21. Juli geruht, dem Gemeindediener Franz Pinzinger zu Eschlkam in allerhuldvollster Berücksichtigung der von demselben der Marktsgemeinde Eschlkam seit fünfzig Jahren mit Treue und Eifer geleisteten Dienste die Ehrenmünze des Ludwigsordens allergnädigst zu verleihen.“ Diese Ehrenmünze war für Personen niederen Ranges bestimmt, die zum Zeitpunkt der Stiftung ihr 50-jähriges Dienstjubiläum bereits erreicht hatten. Dieser Umstand traf für Pinzinger zu.

    Zugleich wurde die Marktführung beauftragt, „Veranstaltung zu treffen, daß die Aushändigung der Ehrenmünze in würdiger und feierlicher Weise stattfinden kann. Ich werde zu diesem Zwecke am Samstag, den 31. des l(aufenden) Monats nachmittags 3 Uhr in Eschlkam eintreffen, um dem Jubilar eigenhändig im Namen und Auftrage seiner Majestät, unseres allergnädigsten Königs, die ihm allerhuldvollst verliehene Auszeichnung an die Brust zu heften.“ Über diesen Akt musste der Bürgermeister „den Vorstand der Pfarrei, sowie die Mitglieder der gemeindlichen Collegien und die Bürgerschaft selbst geeignet informieren“, so die strikte Anweisung des Bezirksamtmanns.

    Viele Ehrengäste

    Erhalten dazu ist im Marktarchiv eine Niederschrift über den Hergang des für den Gemeindiener Pinzinger eigens abgehaltenen Festaktes. So wurde im „hiesigen Rathhaussaale“ im Beisein vieler Ehrengäste das Ehrenzeichen, die „Ehrenmünze des Ludwigsordens“ dem Franz Pinzinger „an die Brust geheftet und ihm das Brevet (Urkunde der Verleihung) über die Ordensverleihung ausgehändigt“, da er in der „Marktgemeinde Eschlkam seit fünfzig Jahren mit Treue und Eifer“ die Aufgaben als Marktdiener versehen hatte. Der Ehrung wohnten bei der damalige Ortspfarrer Johann Baptist Braun (er stand der Pfarrei von 1877-1897 vor), Bürgermeister Franz Pfeffer („Hoamater“ von Waldschmidtstraße 8), der Gemeindeausschuss, die „Gendarmeriemannschaft von hier“, dann die „Grenzwachmannschaft von Großaign, die Herren Lehrer der Pfarrei Eschlkam sowie eine große Anzahl an Bürgern und Angehörigen des Marktes Eschlkam und der benachbarten Gemeinden“.

    „Nach einer feierlichen Ansprache an den Jubilar und die Versammelten wurde die Feierlichkeit beendet mit einem dreifachen Hoch auf seine Majestät unseren allergnädigsten König“, so der im nüchternen Stile der damaligen Amtssprache verfasste Bericht über die große Feier für Franz Pinzinger, wo dieser wohl das erste Mal in seinem Leben öffentlich ganz im Mittelpunkte stand.

    Dem Bruder nachgefolgt

    Interessant ist es zu erfahren wie Pinzinger 50 Jahre zuvor in dieses Amt gekommen ist. Erhalten dazu hat sich in Abschrift ein Protokoll vom 11. Juni 1830. Es informiert, dass „der den 20. August 1825 auf Ableben seines Vaters als Magistratsdiener aufgenommene Baptist Pinzinger bereits vor 8 Tagen verstorben ist“. Wenige Tage später bat die Mutter die Marktführung, allein schon ihrer sieben unmündigen Kinder wegen, nun den Bruder des Baptist, Franz, dieses Amt zu verleihen. Der damalige Bürgermeister Schreiner („Hoamater“ von Marktstraße 11) und seine Markträte kamen - allein schon um einen Sozialfall in der Gemeinde zu vermeiden - der inständigen Bitte gerne nach und übertrugen die so plötzlich freigewordene Stelle an den späteren Jubilar, damals erst 2o Jahre alt.  

    100 Gulden Jahresgehalt

    Franz Pinzinger erhielt als Marktdiener 100 Gulden Jahresgehalt bei freier Wohnung im Marktdienerhäusl, Großaignerstraße 5. Mit diesem Geld musste er aber auch seine Mutter mit den „minderjährigen Geschwistern“ versorgen, für den jungen Pinzinger gewiss keine leichte Aufgabe. Und so wurde er am 11. Juni 1830 in die Pflicht genommen.

    Die zu bewältigenden Aufgaben eines Gemeinde- oder Marktdieners waren vielfältig. So musste dieser in der Gemeinde die Ausführung der gegenüber der Bürgerschaft jeweils erlassenen Gesetze und Anordnungen der Verwaltung überwachen. Dazu gehörte auch die mündliche Verbreitung amtlicher Bekanntmachungen sowie bei jedem Wetter die Überbringung von amtlichen Schreiben oder sonstigen Verwaltungsschriftstücken zu den Bürgern. Ein Gemeindediener führte in der Regel eine Glocke oder Schelle mit sich, um bei den Bekanntmachungen und Ausrufen vorher auf sich aufmerksam zu machen. Gerade und allein schon wegen dieser vielerlei Funktionen war der Gemeindediener allerorten eine allgemein anerkannte Persönlichkeit.

    Das Markt-, oder Amtsdienerhaus in Eschlkam war im Jahr 1809 „durchaus gezimmert (Waldlerhaus) und mit einer sehr kleinen Stallung und Scheune versehen samt den dabei befindlichen Haus- und Wurzgärtchen ad (zu) 1/16 Tagwerk“. Die Anlage war damals mit 100 Gulden bewertet. 1848 bereits wollte die Gemeinde das mittlerweile marode gewordene Haus versteigern. Es fand sich aber kein Käufer. Der jeweilige Marktdiener und seine Familie mussten mit dem alten und räumlich sehr beengten Bau weiterhin vorlieb nehmen.  

     

    Werner Perlinger

  • Die Polizeibehörde – einiges aus ihrem Aufgabenbereich im 19. Jahrhundert

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    Eschlkam. Im Bereich des Marktes und der bürgerlichen Gründe besaß der Marktrat auch die Polizeihoheit. Daher hatte er stets energisch gegen Trunkenbolde, Spieler und auch gegen Personen vorzugehen, die es mit der Moral nicht genau nahmen. Es sei ein besonderer Fall erörtert, der vor 180 Jahren seine Kreise bis in die Landeshauptstadt München zog.

    Eschlkam, gelegen an der „Kommercialstraße“ (Handelsstraße) nach Klattau, war von 1834 bis 1854 deshalb Sitz eines Hauptzollamtes und damit lebten Zollbeamte im Markt und verrichteten ihren Dienst. So waren im Jahr 1842 die Marktbehörde und das Landgericht Kötzting mit einer Hauptzollamtsassistentsgattin namens Anna Dörr in strafrechtlicher Hinsicht beschäftigt. Diese Frau hatte zwei Jahre zuvor, 1840, den Vorgesetzten ihres Mannes, den Zolloberkontrolleur von Eschlkam, Joseph Dürr, als dieser an ihrer Wohnung vorbeiging, vom offenen Fenster herab übel beschimpft und ihn einen „schlechten Kerl und Spitzbuben“ geheißen. Es kam zur Anzeige und die Dörr erhielt wegen dieser Beschimpfung „24 stündigen Arrest, welche Strafe dieselbe auch schon erstanden (abgesessen) hat“. Wahrscheinlich wurde sie einen Tag im Rathaus in einer eigens dafür geschaffenen Arrestzelle „verwahrt“. Dies erklärt, warum die Dörr Jahre später, auch wegen gemachter Schulden, amtlich als eine Person mit „zweifelhaften Ruf“ angesehen wurde. Bei dem an und für sich noch geringfügigen Vergehen der Beleidigung blieb es aber nicht.

    Deshalb sei ein pikanter Fall geschildert, den Jahre später die Marktführung zu bearbeiten hatte: Es handelte sich um den „verdächtigen Umgang des Sebastian Würz von Eschlkam mit der Hauptzollamtsassistentengattin Doerr von da“. Unter dem Titel „Mießiggang“ betreff. brachte die ansässige Gendarmeriestation am 14. Juli 1847 bei der Marktbehörde zur Anzeige, dass der ledige Totengräbersohn Sebastian Würz, dienst- und beschäftigungslos, sich bei seinen mittellosen Eltern aufhalte und „sich mit der nicht im besten Rufe stehenden Zollamtsassistentengattin Anna Dörr auf eine bereits auffallende Art herumtreibt.“ Allein schon aus der Sorge für arbeitsscheue Personen später einmal aufkommen zu müssen, handelte die Marktbehörde unter Bürgermeister Anton Sämmer sofort und lud den Sebastian Würz am 17. Juli vor.

    Keinen „Umgang“ gehabt

    Dieser aber brachte zu seiner Entlastung hinsichtlich des vorgeworfenen Müßiggangs vor, dass er „durch Uhrrichten, Musik, Malen einen schönen Verdienst habe und sich dadurch hinlänglich ernähren könne“. Bezüglich des „Umgangs mit der Anna Dörr“ betonte er, „daß ich mit dieser Person keinen Umgang habe“, sondern seine Besuche in der Wohnung nur dem Beamten Dörr gelten würden. Er sei diesem besonders „verbindlich, weil er mir versprochen, daß er für mich Sorge tragen werde und er mich in einer Kanzlei als Schreiber oder sonst wie unterbringen will“.

    Der Marktrat ließ sich jedoch nicht beirren und schenkte seinen Ausführungen bezüglich seines Verhältnisses zu der Frau Dörr keinen Glauben. Die Ratsherren verfügten, dass Würz „bei Vermeidung der Ausschaffung (hier Ausweisung) aus dem Markt Eschlkam den Umgang mit dieser Frau aufgebe“. Das Gremium beließ es mit dieser eindringlichen Warnung und belegte Würz lediglich mit einem „Verweis“. Als relevanter Grund wurde angegeben: „Es ist aber auch notorisch (hier: offenkundig), daß er mit der Anna Dörr einen vertrauten Umgang gepflegt hat“. Deshalb wurde ihm unter Berufung auf einschlägige gesetzliche Vorgaben, stammend noch vom 21. Januar 1763 und 7. November 1787 „der Umgang mit dieser Person untersagt und verboten“. Zur verhängten Strafe gehörte auch die Auflage die „Protokolltaxe“ des Marktes in Höhe von 36 Kreuzer und 17 Kreuzer als „Anzeigengebühr“ für die Gendarmerie zu entrichten. Zur Sache nicht vernommen wurde der offenbar doch „gehörnte Beamte“, wie wir sehen werden.

    Musisch begabt

    Dagegen wurde für Würz positiv erkannt, dass er mit „Musikmachen, Malen, Uhrrichten und sehr viele mechanische Arbeiten, worauf er sich gut versteht, einen schönen Verdienst hat“ und er somit seinem alten Vater nicht zur Last falle. Die Totengräberfamilie Würz wohnte damals am Friedhofseingang unmittelbar neben dem Kobel in Anwesen Nr. 29. Heute befinden sich dort die WC-Anlagen für die Kirch- und Friedhofsbesucher.

    Zum Schluss wurde der Totengräbersohn noch belehrt, er könne gegen diesen Entscheid bei der königlichen Regierung von Niederbayern, Kammer des Innern, innerhalb von acht Tagen Berufung einlegen. Diese Möglichkeit nutzte Würz sicher nicht, denn am 24. August 1847 stellte ihm der Marktrat ein sehr positives Leumundszeugnis aus. Beantragt hatte er dieses, da er sich um eine „Thurnerstelle“ (als Türmer) bewarb. Es wurde bezeugt, „daß er während seines ununterbrochenen Hierseins sich immer mit Musik beschäftigte und als erster Violinspieler auf dem hiesigen Kirchenchor bedienstet war; auch pflege er eine gute Aufführung“. Ob sein beruflicher Wunsch in Erfüllung ging, kann nicht gesagt werden. Laut Aussage eines Kopulationsattests (Heiratsurkunde) vom 3. Oktober 1857 hatte Würz gut zehn Jahre später die Tochter des Bräumeisters vom Kommunebrauhaus, Katharina Stauber. Soviel vorerst abschließend zur Person des musikalisch begabten Totengräbersohnes.

     

    Interessant für den Leser ist der weitere Verlauf der Angelegenheit, die Person Anna Dörr betreffend:

    Am 27. Juli 1847 erfahren wir, dass der Ehemann Franz Seraph Dörr genau an dem Tag, als die Vernehmung des Würz stattfand, am 17. Juli verstorben ist. Da dieser, so die Akte, „nicht definitiv“ angestellt war, hatte die Witwe keinen Anspruch auf eine Pension. „Zum Behufe der Erlangung eines Gnadengehalts von der königlichen Generalzolldienstadministration“ erbat nun die Witwe Dörr von der Marktführung ein Leumundszeugnis, was sie auch erhielt.

    Im Attestatenbuch (eigentlich ein Kopularbuch mit Abschriften von ausgestellten Urkunden) von 1846/47 findet sich im Marktarchiv abschriftlich das Zeugnis. Demnach attestierte die Marktbehörde am 27. Juli 1847, „daß sie sich durch ihr Betragen, welches sie seit einigen Jahren an den Tag legte, nicht das beste Lob erwarb, daß sie schon einige Male polizeilich abgestraft wurde und namentlich auch nach höchsten Erkenntnissen der K(öniglichen) Regierung von Niederbayern, Kammer des Innern, vom 8. Mai vorigen Jahres wegen verschiedener Angelegenheiten in Untersuchung war, deswegen gestraft und ihr Name öffentlich bekannt gemacht wurde. Übrigens steht sie auch wegen leichtfertiger Schuldenmacherei in üblen Rufe“.

    Mit diesem Inhalt verständlicherweise äußerst unzufrieden, „kam sie im größten Sturm auf das Rathaus, schimpfte arg. Dessen nicht genug, besuchte sie den Bürgermeister in seiner Wohnung und warf dort das Zeugnis - zerrissen in mehrere Stücke – diesem vor die Füße“. Daraufhin beschlossen der Bürgermeister Sämmer und sein Marktrat, die Dörr, „da sie wegen leichtsinniger Schuldenmacherei im üblen Ruf stehe, und weil sie sich öfters gegen den Magistrat Rohheiten erlaubte, sich binnen drei Tagen aus dem Markt zu entfernen“.

    Der Bürgermeister und seine Markträte hatten wohl Angst vor diesem Weibe, denn am 31. Juli baten sie die hiesige Gendarmeriestation um Hilfe bei der „Ablieferung in ihren Heimatorth Amberg, da diese als gefährliche Person bekannt ist und sich daher bei der Arretierung durch einen Landwehrmann voraussichtlich widersetzen würde“. Der Landrichter in Kötzting lehnte das Gesuch um „Gendarmerie Assistenz“(Hilfe) mit dem Hinweis ab, dass „der Magistrat mit dem nöthigen Polizei Dienstpersonal selbst versehen ist“. Vielmehr missbilligte die vorgesetzte Behörde das Abschiebeverfahren gegen die Dörr, da seit dem Tode ihres Mannes erst wenige Wochen verflossen seien und die Dörr „nach eigener Versicherung ohnedies demnächst Eschlkam verlassen wird“, so dass eine „Zwangseinschreitung durch Ablieferung“ sich erübrige.

    Eine Urkundenfälschung?

    Wenig später jedoch muss die Ausweisung aus Eschlkam erfolgt sein, denn vier Wochen später, am 1. September 1847, wandte sich die königliche Polizeidirektion der Haupt- und Residenzstadt München an die Marktbehörde, die Dörr befinde sich derzeit in München und habe ein Führungszeugnis übergeben, worin der Markt Eschlkam ihr „ein Zeugniß über ausgezeichnet gute Aufführung“ ausgestellt habe. Um die Echtheit des Führungszeugnisses prüfen zu können, bat die Direktion die Gemeinde ihr ausgestelltes Zeugnis „gütigst übersenden zu wollen“. Die Angelegenheit zog sich über Jahre weiter hin. So wird am 10. September 1857 geschildert, dass obiger Sebastian Würz und Simon Spät von Eschlkam für den 3. November 1854 zu einer Schwurgerichtsverhandlung in München vorgeladen wurden. Beide reisten daher bereits am 27. Oktober um 5 Uhr früh ab um München rechtzeitig zu erreichen. Wenige Stunden später, um 8 Uhr, erreichte den Markt die Nachricht, dass die Verhandlung auf den 9. November vertagt worden sei. Es war daher für die Marktbehörde „unumgänglich nothwenig“, einen Boten eilends nachzuschicken, um die Prozessbeteiligten von der Terminänderung zu benachrichtigen. Daraufhin wurde dem Würz und dem Späth ein „Zeugnis ausgefertigt, daß sie die Reise bis Straubing und zurück umsonst gemacht haben“, so der Bericht an das Landgericht in Kötzting. Über den weiteren Verlauf und den Ausgang dieser gerade für die Anna Dörr schwierigen prozessualen Situation in München fehlen die archivischen Unterlagen. Jedenfalls wird die Dörr eine ihr zustehende Strafe erhalten haben.

     

    Werner Perlinger

  • Die Kommunalgebäude - eine Beschreibung aus dem Jahr 1809

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    Eschlkam. Die kommunalen Einrichtungen bildeten seit jeher im Markt die Anlaufstelle der Bürger. Hier wurden Anliegen der Bürger angehört und bearbeitet, Entscheidungen über Angelegenheiten des Marktes vom Marktrat getroffen und letztlich auch die Finanzen der Kommune verwaltet. Zentrales Gebäude dafür war und ist auch heute noch das Rathaus. Erhalten hat sich im Archiv ein Bericht über den Zustand dieses Gebäudes und seine Einrichtungen in napoleonischer Zeit, also vor gut 200 Jahren. Es heißt da:

    „Das  Rathaus ist eingädig gemauert (d.h. nur das Erdgeschoß, darüber der obere Stock als hölzerner Blockbau) und mit einem Dachstuhl von Legschindeln versehen. Zu ebener Erde wohnt der königliche Kommunaladministrator und im oberen Stock ist das „Rathsessionszimmer“ (Sitzungsraum der Markträte) nebst einem Gewölbe zu der Registratur, welch oberes Stockwerk nach mehreren allergnädigsten Kreiskommissariats Entschließungen provisorisch, bis ein Schulhaus hergestellt sein wird, gegenwärtig benützt werden darf; hingegen den schulpflichtigen Gemeinden obliegt, für das Lokal der Schule und Wohnung des Schullehrers zu haften und keineswegs das Kommunalvermögen geschmälert werden darf“. (Grundlage dazu bildete die alle Gemeinden bindende Verordnung des Kurfürsten Max IV. in Bayern vom 23. Dezember 1802, wonach die allgemeine Schulpflicht im Lande zwingend eingeführt wurde). Anbei befindet sich ein kleiner Stadel und (eine) Stallung nebst einem sehr kleinen Höfl“. Der Wert dieses öffentlichen Gebäudes wurde mit 800 Gulden bewertet.

    Das Markt, oder Amtsdienerhaus (früher Nr. 62): Dieses ist durchaus gezimmert (Waldlerhaus) und mit einer sehr kleinen Stallung und Scheune versehen samt den dabei befindlichen Haus- und Wurzgärtchen ad (zu) 1/16 Tagwerk. Die Anlage wurde mit 100 Gulden bewertet.

    (Die) „Fleischbank, und Brodhaus“: (Die Einrichtungen) liegen zwischen dem Rathaus (Nr. 33) und des Wolfgang Stauber(s) Uhrmacherwohnung (Nr. 22); ist gemauert mit 2 Fleischbänken und mit einer Dachung von Legschindeln versehen. An Pachtschilling zahlen die Metzger im Jahr 9 Gulden; die Bäcker vom Brothaus 4 Gulden. Diese Einrichtungen wurden auch mit 100 Gulden bewertet.

    Das „Hirtenhaus (Nr. 49-auch Armenhaus) ist gezimmert und hat auch ein sehr kleines Hausgärtchen ad 1/16 Tagwerk“; insgesamt geschätzt auf 150 Gulden.

    Als Gesamtwert errechnet sich der Wert allein der kommunalen Gebäude in Eschlkam auf 1050 Gulden.

    Unter den sog. „Dienstwiesen“ (für den Unterhalt gegeben an die Marktbediensteten) sind aufgeführt ein „Wiesel, zweimähdig beim Oelbrunn, benutzt solches der Schullehrer und ist ½ Tagwerk groß“, geschätzt auf 35 Gulden. „Ein Wiesel in der Paint (Point) wird auch vom Schullehrer benützt, nur ¼ Tagwerk haltig“, Wert 15 Gulden

    Letztendlich erwähnt ist die „Nutzwiese des Wasenmeisters“, gelegen am Chambfluss, ebenfalls nur ¼ Tagwerk groß; Wert 15 Gulden. Der Wasenmeister übte den Beruf des Abdeckers aus. Er beseitigte die „gefallenen“ (zu Tode gekommenen) Haustiere indem er sie weit ab von der nächsten Siedlung begrub.

    Die Endabrechnung ergab schließlich für den immobilen Besitz der Gemeinde den Betrag von 1115 Gulden. In dieser Zeit kostete ein Schaff (Scheffel zu 222 Liter) Korn 20 Gulden, die gleiche Menge Weizen 24 Gulden, ein Kalb 7 Gulden. Der Tageslohn für einen Zimmermann betrug ca. 20 Kreuzer (60 Kreuzer ein Gulden).

     

    Mit zu den wichtigsten Tätigkeiten der Marktverwaltung gehörte die notarielle Beurkundung von Hausübergaben, niedergeschrieben und somit der Nachwelt erhalten geblieben in sog. Briefprotokollen. Ein Beispiel sei angeführt: 

    Übergabe eines „Burger Heusl“

    Am 7. Januar 1722 traf Maria, Witwe des ehemaligen Müllers und Ratsherrn Johann Lärnbecher von der „Bäckermühle“ eine notarielle Verfügung. „Auf geleisteten Beistand“ durch den Ratsherrn Georg Denzl übergibt sie ihrer Tochter Maria das „bisher ruhig ingehabt, genuzt und genossene Burgers Heusl am Schloßgraben, gleich neben dem Markhts Rhathaus entlegen“. Von der Lagebeschreibung her war es das jetzige Anwesen „Textilwaren Brey“, Waldschmidtplatz 1. Sie hatte dieses kleine Anwesen am 4. Februar 1707 „durch Kauf an sich gebracht“. Der Schätzwert von nur 35 Gulden erscheint gering, auch wenn es sich nur um ein „Heusl“ handelte. Jedoch war mit der Übergabe eine wichtige Bedingung verknüpft dergestalt, dass die neue Eigentümerin, hier die leibliche Tochter, ihre Mutter als die Übergeberin, ob gesund oder und krank, „mit aller Notdurft versehe, sie nach ihren Absterben christcatholischen Gebrauch nach zur Erden bestattigen lassen wolle und solle“. Zeugen dieses Vertrages waren der Schuhmacher Hans Hastreiter und der „Peck“ Hans Vogl, „beede Burger alhier“.  Diese Vereinbarungen stellen einen frühen Modus einer sog. >Leibrente< dar. Die Müllerswitwe wollte sich mit dieser so getroffenen Vereinbarung bis zum Lebensende absichern.

     

    Werner Perlinger

  • Als Franz de Paula Pach sich um die Kirchenschreiberei in Eschlkam bewarb - Vater des bekannten Kunstmalers Alois Bach diente der Gemeinde als Marktschreiber

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    Eschlkam. Ein berühmter Sohn des Marktes Eschlkam ist zweifelsohne der Kunstmaler Alois Bach, ein Zeitgenosse und Freund des weit über die Landesgrenzen hinaus bekannten Carl Spitzweg. Bach (1809-1893) gilt als Genre-, Tier- und Landschaftsmaler. Vor allem bekannt wurde Bach durch seine meisterhaften Pferdeporträts aus dem Marstall des Fürsten Thurn und Taxis in Regensburg oder auch des Prinzen Leopold von Bayern. Er wurde am 12. Dezember 1809 in Eschlkam als Sohn des königlich bayerischen Kommunaladministrators (amtlicherseits eingesetzter Gemeindeverwalter, der die Aufgaben des Bürgermeisters zu übernehmen hatte) Franz de Paula Pach geboren. Damals wurde der Name „Bach“ mit >P< geschrieben. In den nächsten Zeilen wollen wir uns dem Vater des Künstlers widmen, als dieser sich als Marktschreiber um die Stelle eines „Kirchenschreibers“ bewarb:

    In einem Gesuch vom 21. Juli 1806 stellt Franz de Paula Pach an den „Koeniglichen bairischen Administrations Rath der Kirchen und milden Stiftungen unterthänigst und gehorsamst“ die Bitte ihm als Marktschreiber zusätzlich den Posten der Kirchenschreiberei zu geben. Pach begründet sein Anliegen mit dem Hinweis, sein Vater Wolfgang Andrä Pach sei am 7. Juli verstorben und habe „eine Witwe mit 4 unversorgten Kindern“ hinterlassen. Er der älteste Sohn habe keinerlei Vermögen vom Vater zu erhoffen, „wohl aber habe ich ihm meine gegenwärtige Geistesbildung, insoweit es meine gegenwärtigen Berufsgeschäfte erfordern, einzig zu danken“. Pach informiert weiter, dass er seinem lange Zeit krank gewesenen Vater „in seinen Geschäften Aushilfe“ geleistet habe. Zudem diente er längere Zeit beim Stadtgericht in Deggendorf als Schreiber. Darüber legte Pach ein „Attestat“ vor. Fachlich gut gerüstet erhielt er in seinem Heimatort die Marktschreiberstelle. Da mit diesem Posten bisher stets auch die Kirchenschreiberstelle verbunden war, „so sehe ich mich verpflichtet bei dem Königlichen-Kirchen-Administrationsrath um die allergnädigste  Verleihung dieser Kirchenschreiberstelle“ zu bewerben.

    Auch wenn diese Aufgabe mit nur einem geringen Gehalt verbunden ist – „allein wenn man bedenkt, daß die Marktschreibens Bedienstung zu Eschlkam 400 Gulden (pro Jahr) abwirft“, so sei es verständlich „zur Befriedigung der Lebensbedingtniße…nach einem Zuschuß zu trachten“. Letztlich bittet Pach, ihm „diese Kirchenschreiberstelle zu Eschlkam in der Eigenschaft wie selbe mein Vater zu genüßen gehabt“, zu verleihen.

    Die Antwort des „Königlichen Administrations Rath“ in München erfolgte sehr bald. Bereits am 25. Juli schrieb diese für kirchliche Angelegenheiten in Bayern höchste Stelle an das königliche Rentamt in Kötzting als Unterbehörde, „daß bereits unterm 9. Dezember 1803 (…) auf eintretende Sterbefälle gedachter Kirchenschreiber dieser Platz nicht mehr ersetzt werden sollte“. Zudem wies die Behörde das Rentamt in Kötzting an, die „sohin bezogenen Gratialien und Addition vom heurigen Etatsjahr 1805/06 einzuziehen und dies mit „dem einschlägigen Pfarrer zu besorgen“.

    Säkularisation der Kirchengüter

    Der Leser wird sich nun fragen wieso damals amtlicherseits mit einer solchen Härte verfahren wurde. Sie erklärt sich aus der Säkularisation der Kirche und ihre Güter im Jahre 1803. Dazu folgendes: Unter den zahlreichen reformerischen Maßnahmen, die der damalige bayerische Innenminister Maximilian Graf von Montgelas (Amtszeit 1799-1817) durchführte, ragte die Säkularisation heraus, das heißt die Beseitigung der staatlichen Herrschaft kirchlicher Würdenträger sowie die Verstaatlichung und Enteignung von Kirchengut – eine für die damalige Kirche schwerwiegende Maßnahme, die seit ihrem Inkrafttreten am meisten der Kritik ausgesetzt war, ja und auch heute noch ist. Vorangegangen waren die Nationalisierung allen Kirchenguts in Frankreich durch die Revolution im Jahr 1789, in Österreich Endes des 18. Jahrhunderts die Aufhebung von allein 700 Klöstern durch Kaiser Joseph II. aus dem Hause Habsburg.

    In Bayern erfolgte sie aufgrund eines Reichsgesetzes, nämlich des „Reichsdeputationshauptschlusses“ vom 25. Februar 1803. Im Reichsdeputationshauptschluss wurde festgesetzt, dass die weltlichen Fürsten für ihre linksrheinischen Gebietsverluste an Frankreich abgefunden werden sollten. Dies geschah durch Säkularisation kirchlicher sowie durch Mediatisierung (Auflösung) kleinerer weltlicher Herrschaften bisheriger Reichsstände rechts des Rheins.

    Pach ein Opfer der Reform

    Bayern wurde gründlich säkularisiert. Viel wertvolles Kulturgut ging dabei leider verloren, geistige Zentren wurden zerstört. Der Staat wollte daraus finanziellen Gewinn ziehen, was aber im Großen und Ganzen gründlich misslang.  Bei uns blieb lediglich das Kloster Neukirchen b. Hl. Blut davon verschont, denn es wurde landesweit als sog. „Absterbekloster“ für nun heimatlose Franziskanermönche ausersehen.

    Der eigentliche Beweggrund für die Säkularisation bei uns war aber der, dass die Kirche seit Jahrhunderten eigentlich ein Staat im Staate war. So besaßen um 1800 in Bayern die Klöster mehr als die Hälfte des Bodens. 56 % der Bauern zahlten ihre Steuern an kirchliche Einrichtungen. Das wollte man unbedingt abschaffen. An diese Steuergelder wollte man ran.

    Im Falle der Kirchenschreiberei in Eschlkam bedeutete dies, dass künftig nur das Rentamt in Kötzting diese Dienste leisten solle. Aber der nunmehrige Marktschreiber Franz de Paula Pach, Vater des oben genannten Kunstmalers, gab nicht auf. Am 2. September schreibt er erneut an die oberste Kirchenverwaltung in München. Die abschlägige Antwort sei für ihn „äußerst niederschlagend“ und er begründet einen erneuten Vorstoß in einzelnen Punkten damit, dass „ein Kirchenschreiber in loco aus nachstehenden Ursachen unumgänglich nothwendig ist“. So zählt Pach auf, die Ortskirche habe viele ausstehende Kapitalien zu verwalten, ebenso die Aufsicht über den vorgegebenen beträchtlichen Zehent, außerdem habe der jeweilige Kirchenprobst (Kirchenpfleger) nie die für die Verwaltung des Kirchengutes nötigen Kenntnisse, ebenso erkenne er nicht die Probleme, die bei „Baufällen“ (Baumaßnahmen) der Kirche entstünden. Pach führt noch weitere persönliche Gründe an, wie dass er zudem für „unversorgte Brüder“ aufkommen müsse, wobei einer sich „in Studiis“ befinde. Doch die Antwort aus München war eindeutig, nämlich dass „der Bittsteller wiederholter abgewiesen werde“. Somit war auch die „Kirchenschreiberei“, in Eschlkam bisher erledigt vom Marktschreiber,  für die nächste  Zeit beseitigt.

     

    Werner Perlinger

  • Marktschreiber Beutlhauser erhält die Heiratserlaubnis – der Zöllner Schifferl nicht

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    Eschlkam. Vom Mittelalter bis weit in das 19. Jahrhundert hinein gestatteten in Städten und Märkten der Magistrat nur demjenigen die Ehe und damit die Gründung einer Familie, der aufgrund von Vermögen oder Einkommen in der Lage war, eine Familie zu unterhalten. Im 18. und 19. Jahrhundert galt die einfache Lohnarbeit mithin nicht als ausreichende Grundlage für eine Ehe, da meist „der Nahrungsstand nicht gesichert sei“, so die häufig amtlich verwendete Sprachformel bei den Ablehnungen. Ehebeschränkungen führten zu einem Anstieg des Heiratsalters und einer größeren Zahl ledig bleibender Männer und Frauen. Deshalb häuften sich die unehelichen Geburten vor allem in der Schicht der Tagelöhner, Knechte und Mägde.  Endlich wurde zum 1. Januar 1876 dank des Reichskanzlers Otto von Bismarck (1871-1890) durch das „Gesetz über die Beurkundung des Personenstands und der Eheschließung“ grundsätzlich die Ehefreiheit eingeführt. Kritik dagegen kam anfänglich aus konservativen und kirchlichen Kreisen. Seitdem führen die Gemeinden, wie die Kirchen bereits seit dem Konzil von Trient ab dem Jahr 1563, die Personenstandsbücher (Geburts-, Ehe-, und Sterbebücher).  

    Wir schreiben das Jahr 1849: Am 31. März stellt der Marktschreiber von Eschlkam, Joseph Anton Beutlhauser, ein Bittgesuch um „Verehelichungsbewilligung mit der herrschaftlichen Verwalterstochter Anna Serve von Herzogau“ betrff. Dazu muss man auch wissen, dass der Schreiber eines Marktes wie Eschlkam in der Regel die einzige Persönlichkeit war, der die Geschäftsführung im Rathaus oblag (siehe letzten Artikel über Marktschreiber Pach). So war er gerade vom vielseitigen Aufgabenbereich her über die Jahrhunderte in einer Gemeinde mit die wichtigste Person. Heute spricht man vom „geschäftsführenden Beamten“ in einem Rathaus. Aber auch diese Person hatte sich bei Belangen bzw. Anträgen in eigener Sache den jeweils dafür geltenden Vorschriften zu unterwerfen. Beutlhauser stellte deshalb folgendes Gesuch: „Zwei Jahre schon versehe ich den hiesigen Marktschreiberposten und habe während dieser Zeit stets meine aufhabenden Pflichten erfüllt, so daß niemand gegen mich auch nur mit der geringsten Klage auftreten kann. Ich bin gesonnen, da ich weiß, daß ich von dem größerern Theile der hiesigen verehrlichen Bürgerschaft gelitten bin, noch mehrere Jahre, vielleicht für immer nemlich bis zu meinem Tode, hier zu verbleiben. Da ich aber des gegenwärtigen Einsiedlerlebens schon ganz überdrüssig bin, so möchte ich mich verehelichen…“. Damit bat er den Magistrat von Eschlkam um die „Bewilligung der Verehelichung“.

    Verehelichung genehmigt

    Die Glashüttenverwalterstochter Anna Serve, wie er seine Braut bezeichnete, „hat zwar nicht viel an Vermögen, aber ist gut und christlich erzogen… mein Gehalt ist gar nicht groß, aber genügend, daß eine Familie sich darob bei einiger Einschränkung ernähren kann und so hoffe ich, daß meiner dießfalligen Bitte auf gnädige Willfährde zu Theil werde“, so der bittende Beutlhauser.

    Die Gemeindebevollmächtigten „ertheilten die Verehelichungsbewilligung“  mit ihrer persönlichen Unterschrift. In diesem Jahr 1849 waren dies (in Klammern die früheren Hausnummern): Simon Moreth (42), Georg Wenisch (15), Joseph Römisch (68), Franz Rötzer (19), Michl Dachauer (6), Joseph Lemberger (37), Andre Plötz (58), Andre Späth (63 oder 45 ½ = wäre Moosbauer) und Joseph Pfeffer (59 oder 65).

    Der Magistrat, bestehend aus dem Bürgermeister Sämmer (44) und den drei Mitgliedern Pfeffer (59 oder 65), Schmirl (41 oder 72) und Pohmann (54), begründete seine Zustimmung wie folgt: „(der) Bittsteller ist seit zwei Jahren dahier als Marktschreiber, erfüllt seine Dienstpflichten genau und pünktlich, das jährliche Gehalt ist so gestellt, daß eine Familie davon sich nähren kann, daher demselben die nachgesuchte Verehelichungsbewilligung ertheilt werden mußte, um so mehr, als auch die Gemeinde und Armenpflege in diese willigt. Magistrat, den 2. April 1849“.

    Vier unmündige Kinder

    Weniger Glück in seinem Bestreben eine Eheerlaubnis vom Magistrat zu erhalten, hatte dagegen der Witwer J(ohann). B(aptist). Schifferl, von Beruf königlicher Unteraufschläger (Erheber der Akzisen, der indirekten Aufwandssteuern, z.B. einer Biersteuer). Am 21. Juni 1855 schilderte Schifferl, ihm sei im vorigen Jahre seine Frau verstorben und er wolle sich nun mit der Bürgerstochter Magdalena Leitermann aus Rötz verheiraten. Er selbst habe als Unteraufschläger, tätig in Regen, ein Jahresgehalt von 500 Gulden und es wäre ihm lieb, wenn seine Kinder wiederum eine Mutter bekämen, da er als Aufschlagsbeamter selten zu Hause sei. Deshalb bat der Beamte den Magistrat seiner Heimatgemeinde, „daß meinem Gesuch gütigst willfahren werde“.

    Interessanter Weise griff der eine Wiederverheiratung doch fördernde Umstand, dass vier unmündige Kinder zu versorgen seien, so möchte man annehmen, beim Marktrat nicht. Vielmehr wiesen die Magistratsräte auf die Tatsache hin, „dass Schifferl als Unteraufschläger nicht in definitiver Eigenschaft (fest) angestellt ist und sich in einem hohen Lebensalter befindet.“ Gerügt wurde auch, dass er keinerlei Privatvermögen besitze, ebenso seine ausersehene Braut aus Rötz. Obwohl er vier unmündige Kinder habe, sei er keinem Unterstützungsverein beigetreten, so dass er später in einer Notlage daraus finanzielle Hilfe hätte erwarten können.

    Der eigentliche Hauptgrund für eine Abweisung war – obwohl königlicher Beamter - sicherlich das nicht feste Arbeitsverhältnis in der Zollbehörde. Stets hatte die Marktführung Angst davor möglicher Armut im Markte Vorschub zu leisten. Ob es Schifferl gelungen ist, später doch noch eine Heiratserlaubnis zu besorgen, kündet uns dieser Akt nicht.

     

    Werner Perlinger

  • Bewerbungen um die Marktschreiberstelle im Jahr 1857

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    Eschlkam. Eine zentrale und gehobene Stellung in einer Stadt oder einem Markt hatte über die Zeiten hinweg- wie in unserer Reihe schon mehrfach erwähnt - stets der jeweilige Stadt- oder Marktschreiber, der stets eine für das zu bewältigende Amt ausgerichtete, juristisch orientierte Ausbildung genossen hatte. In heutiger Zeit nennen wir ihn den „geschäftsleitenden Beamten“ einer Gemeinde, ob Stadt oder Markt.

    Seit dem Jahr 1847 versieht als Marktschreiber Joseph Anton Beutlhauser seinen Dienst. Geheiratet hatte er - wie im letzten Beitrag erörtert - im April 1849 Anna Serve, die Tochter des Glashüttenverwalters von Herzogau bei Waldmüchen. Zehn Jahre nach dem Beginn seiner Tätigkeit in Eschlkam kündigte er unerwartet und ohne Angaben von Gründen der Marktführung sein Amt mit Schreiben vom 8. Juli 1857 auf. Darin heißt es: „Verehrlicher Markts-Magistrat, ich zeige demselben hiermit an, daß ich vom Magistrat Eggenfelden als Marktschreiber gewählt und als solcher durch hohe Entschließung der k(öniglichen) Regierung von Niederbayern de dato am 25. Juni bestätigt worden bin.“ Nachdem er bis zum 20. Juli dort antreten solle, bittet Beutlhauser um die Aushändigung eines Zeugnisses über „meine Geschäftstätigkeit und mein moralisches und politisches Verhalten“ in Eschlkam. Der Bürgermeister, seine Markträte und auch die Bürger waren offenbar sehr überrascht, wenn nicht sogar verärgert. Dennoch billigte man den Abgang des scheidenden Beamten. Wahrscheinlich wollte dieser sich finanziell verbessern, nachdem der Markt Eggenfelden unweit Pfarrkirchen an Einwohnern und vorgegebener Infrastruktur weit vor Eschlkam rangierte. 1902 erhielt diese Kommune den Status einer Stadt.

    Als übergeordnete Behörde forderte das Landgericht Kötzting am 21. Juli 1857 Eschlkam auf, dass der somit „erledigte Marktschreiberdienst zur Bewerbung öffentlich (in den öffentlichen Blättern) auszuschreiben ist, indem eine Verleihung ohne diese Ausschreibung unthunlich ist“. Außerdem erhielt die Gemeinde den Auftrag, „wegen Besorgung der currenten (laufenden) Geschäfte ein Provisorium zu treffen“. Dafür war ab 10. August als „Dienstverweser“ für die laufenden Geschäfte der Verwaltung der Marktschreiber Grafenauer aus Neukirchen b. Hl. Blut für monatlich 16 Gulden verpflichtet worden. Am 29. Juli kam die Gemeinde dem Ansuchen nach und informierte künftige Bewerber, dass der Dienst in Eschlkam „mit einem fixen Jahresgehalt von 300 Gulden und freier Wohnung“ verbunden sei. Auch sollten sich nur Bewerber melden, die die ausbildungsmäßigen Voraussetzungen erfüllten.

    Ein charakterfester Mann gesucht

    Außerdem informierte am 19. August 1857 die Gemeinde hinsichtlich künftiger Gehaltsvorstellungen des Nachfolgers von Beutlhauser, dass u.a. die Witwe des ehemaligen Marktschreibers Franz de Paula Pach, Anna, noch lebe und alljährlich als „Alimentation“ (Rente) 65 f (Gulden) aus der Kasse der Marktkammer beziehe „und hierwegen der künftige Marktschreiber keine Leistung haben soll“. Ergänzend erklärte die Kirchenverwaltung, dass „die Schreibergeschäfte der Kirchenverwaltung nur dann dem künftigen Marktschreiber übertragen werden sollen, wenn sich die Kirchenverwaltung die Überzeugung verschafft hat, daß dieser ein charakterfester Mann sei“.  

    Obwohl am nordöstlichsten Bereich von Niederbayern liegend, kamen bereits ab Anfang Juli acht Anfragen um die freie Stelle, sogar bis aus Landshut. Gesuche reichten ein: der Advokatenscribent Pongner aus Kötzting; der Skribent (lat. für Schreiber) P. Reindl aus Landshut, der Schulprovisor Michl Meidinger von Schwarzenberg, der Franz Xaver Vötterl aus Straubing, der Landgerichtsskribent Josef Hartl von Kötzting, der Landgerichtsoberschreiber Joseph Reitinger von Mallersdorf und letztlich noch ein Andreas Neumeier, ebenfalls aus Mallersdorf.

    Unter den Bewerbern wurde vom Magistrat schließlich Joseph Reitinger ausgewählt. Seine vorgelegten Zeugnisse überzeugten, vor allem aber, dass er in der Lage sei, eine Kaution in Höhe von 1000 Gulden zu leisten. Am 13. Februar 1858 bestätigte die Regierung von Niederbayern mit Sitz in Landshut die vom Magistrat und den Gemeindebevollmächtigten getroffene Wahl. Gebilligt wurden auch die 300 Gulden Jahreslohn aus der Gemeindekasse, die Übernahme der Kosten für die jährlich anfallenden Schreibutensilien, auch eine jährliche Vergütung von 8 Gulden für die Beheizung der Amtslokalitäten (hier das Dienst/Schreibzimmer) sowie die freie Wohnung im Rathause. 1 Gulden von damals entsprach im Wert etwa 13 Euro von heute. Zum gering erscheinenden Gehalt sei erklärt, dass damals die täglichen Bedürfnisse weit weniger kosteten als heute.

    Feierlich ins Amt eingeführt

    Im Beisein der Magistratsräte und der Gemeindebevollmächtigten wurde am 30. März 1858 der neue Marktschreiber von Eschlkam, Joseph Reitinger, im Rahmen einer kleinen Feierstunde ausführlich über seine Pflichten und auch über sein künftiges dienstliches Verhalten aufgeklärt, wie z. B. amtliches Stillschweigen. Grundsätzlich verboten waren unbefugte Mitteilungen an Parteien, Privatkorrespondenz in Amtssachen, Annahme von Geschenken und unberechtigte Benutzung amtlicher Notizen und Materialien für öffentliche Schriften etc. Vor allem aber musste er versprechen, nicht an geheimen oder dem Staatszwecke zuwiderlaufenden und vom Staate nicht gebilligten Gesellschaften teilzunehmen. Gemeint ist hier z. B. die geheime Gesellschaft der „Freimaurer“. In dieser Hinsicht wurde Reitinger „gehörig belehret“.

    Drei Punkte umfasste die zu sprechende Eidesformel wie: Treue dem König, Gehorsam dem Gesetze gegenüber und Beobachtung der Staatsverfassung, wie auch der Schwur, dass er „zu keiner geheimen Gesellschaft oder zu irgend einer Verbindung deren Zweck dem Staate unbekannt, von demselben nicht gebilligt, oder dem Interesse des Staates fremd ist, gehöre, noch je in Zukunft gehören werde so wahr mir Gott helfe und sein heiliges Evangelium“. Nach dem abgeleisteten Eid folgte die Stabung, „daß mir die vorstehenden 3-fachen Verpflichtungen umständlich (hier genau) erörtert und genau vorgetragen wurden, bestätige ich hiermit unter dem feierlichst abgelegten Eide durch eigenhändige Unterschrift“, Jos. Reitinger. Somit war Reitinger im Jahr 1858 der neue Marktschreiber von Eschlkam geworden.

     

    Werner Perlinger

  • Umrittsprotokolle – ein Zeugnis überörtlicher Prüfungen

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    Eschlkam. Wie heutzutage der Bayerische Kommunale Prüfungsverband die Tätigkeit der Kommunen regelmäßig prüft, so geschah dies gründlich auch schon vor Jahrhunderten. Sie nahm der „Rentmeister“ vor. Im 15. Jahrhundert lautete der Titel „Landschreiber“. Unter ihm stand die Gesamtverwaltung der äußeren Ämter und Gerichte als obere Aufsichtsbehörde. Als Inspektionsbeamter seines ganzen Rentamtsbezirkes - für den Hohenbogen-Winkel war es Straubing - hatte er bei den jährlichen „rentmaisterlichen Umbritten“ (Inspektionsreisen) die Prüfberichte über sämtliche ihm unterstellten Pflegsbeamten einzureichen, Untersuchungen über Beschwerden anzustellen, auch persönliche Bitten und Vorstellungen entgegenzunehmen.  Die Situation „Umritt“ erinnert an das mittelalterliche Wanderkönigtum. Der jeweilige Herrscher im Reich, ob Kaiser oder König, hatte keinen festen Regierungssitz, sondern er „durchritt“ mit seiner königlich-kaiserlichen Gesellschaft das Reich und sorgte an den einzelnen Pfalzen, wo er jeweils kurze Zeit verblieb, für Recht und Ordnung in der Region.  

    Und so hat sich auch im Marktarchiv Eschlkam ein Akt über Umrittsprotokolle erhalten. Er beinhaltet „über den Churfürstlichen Marckht Eschlkhamb von annis (Jahren) 1719 bis 1730 und zum thaill ao: 1731“ ausschließlich die Prüfung der von der Marktschreiberei geführten Bücher. Ausgiebig werden darin zunächst die Mängel bei der Führung der Rats- und Verhörsprotokolle von 1719 bis 1733 durch den Marktschreiber aufgezeigt, wie beispielsweise, dass das eine oder andere Ratsprotokoll noch ungebunden vorgelegt worden sei. Vor allem aber wurden Fehler in der Rechtsprechung des Marktgerichts aufgezeigt, erörtert und bei einzelnen Fällen rechtliche Belehrungen erteilt.    

    So hatte z. B. Hans Georg Peter, Schneider, 1723 zugezogen aus Furth, für die Erlangung des Bürgerrechts und die Ausweisung eines Platzes (wohl für den Hausbau = Nr. 44; nun Kleinaignerstraße 25) 3 Gulden zu bezahlen. Gerügt wurden die mangelnde Begründung für die Hergabe des Platzes und die im Akt fehlenden Grundstückskosten. Gestraft wurde auch der Zimmermann Wolfen Hastreiter, weil er wider des obrigkeitlichen Verbots eine „Ferchen“ (Föhre) gefällt hatte. Bei einer Rauferei hatte der Sattler Martin Neumayr (Haus Nr. 22) dem Andre Fleischmann (Großaigner Straße 15) einen „Daumben=biß“ zugefügt. Geregelt wurde die Bezahlung der dafür in Geld verhängten Strafen. Auch wurde erachtet, dass bei Aufnahme von Tagwerkern und Inwohnern als Bürger die Gebühr von nur zwei bis drei Gulden zu gering sei. Hauptsächlich fürchtete man, dass so „unvermögliche Inwohner, welche gemainiglich mit Kündern versehen seint…“ später im Alter „der Burgerschafft mit der Unterhaltung auf den Hals fallen“ (der Gemeinde zur Last werden).

    Geheime Sitzungen verboten

    Besonder gerügt wurde von der Kommission, dass bei den amtierenden oder auch Vicebürgermeistern  „vill Extra : oder Stubenrhät gehalten worden“ (sog. ortspolitische „Kanapee-Sitzungen“ in Privathäusern). Befohlen wurde, dass sämtliche „Burgerl. Händl“ (Angelegenheiten der Bürger) künftig nur mehr im Rathaus zu behandeln seien und sie „kheine Stuben-Rhat mehr halten sollen“.

    In „Commissions auftrag“ hätten Bürgermeister und Rat auch die „Kürchenrechnungen“ aus den Jahren 1719 bis 1733 vorlegen sollen. Der Marktschreiber, der seit jeher wie andernorts auch, zugleich als „Kürchenschreiber“ diese Rechnungen für das Gotteshaus bis zur Säkularisierung der Kirchengüter im Jahre 1803 führte, brachte entschuldigend vor, dass die Rechnungen, verfasst bis zum Jahr 1728, zusammen mit den sog. „Verificationen“ (Belege für Ausgaben) stets an die Regierung in Straubing geschickt worden seien. Seitdem sei von dort keine Rechnung mehr eingefordert worden. Aufgrund dieser erheblichen Mängel konnte auch keine „Zächschrein visitation“ vorgenommen werden. Der „Zechschrein“ war früher eine im Pfarrhof deponierte, besonders bruchsichere Truhe, in welcher der vorhandene Kirchenschatz an Geld, Kleinodien, Urkunden und Bücher verwahrt wurde. Deshalb wurden Bürgermeister und Rat ernstlich ermahnt und aufgefordert, die fehlenden Rechnungen der Jahre 1729 bis 1733 innerhalb von 6 Wochen in „vollkhombenen Stand“ zu setzen und an die Regierung einzuschicken. Letztlich wurde der Marktschreiber aufgefordert, künftig die Kirchenrechnungen sorgfältig abzufassen, ansonsten werde ihm die „Kürchenschreiberey nebst dem Genuß (Verdienst daraus) abgenommen“.

    Bei „Erinnerung in geistlichen Sachen“ wurde der Pfarrer Michael Oberschwendter 1730/31 schriftlich erinnert, dass er vier Jahre keine Kirchenrechnung verfasst habe, obwohl der „Kürchenschreiber Georg Andre Aicher (zugleich der Marktschreiber) von den Kürchenpröbsten (Kirchenverwaltung) bezalt worden“ sei.

    Die Ratsherren gerügt

    Gerügt wurde, dass die „Raths Verwandten“ (die Markträte) an den Sonn- und Feiertagen – ausgenommen an den „höchsten Festtäg“ - während der Gottesdienst seit kurzem nicht mehr „in ihren gehörigen Kürchstüell“ sitzen, sondern sich „ohne Mantl (eigene Tracht für die Ratsherren) unter die Burger mischen“. Dagegen sitzen in den für die Ratsherren vorgesehenen Bankplätzen lauter „Künder und Bueben, über welches die Pfarrkhünder (die Gläubigen) lachen“. Dem Bürgermeister und seinem Rat wurde daher befohlen mit einem guten „Exempl vorzuleichten und an den Sonn: und Feyrtägen in gezihmenter Ehrbarkheit pr. Mantl, und in ihren Stühlen zu erscheinen“…und neben sich weder Kinder noch andere „gemaine Burger zu geduldten“. Ernstlich wurde die Marktführung auch ermahnt, an den „Frauen: und Apostl: dann andern hochen Festtägen“ Tanzveranstaltungen zu untersagen. Geduldet wurde das bisher nur, weil solche Veranstaltungen den „Pier Verschleiß“ förderten. Bei weiteren Zuwiderhandlungen drohe als empfindliche Strafe die Abschaffung des „Preuen und Pierschenkhen“.

    Viele uneheliche Kinder

    Letztlich zeigte man Verständnis für die Beschwerde, nämlich dass viele Bauern gleich nach der Frühmesse sich in die Wirtshäuser begeben, daher den „hohen Gottesdienst und die Predigt (Hochamt um 9 Uhr) nit anhören, auch in der Fruehe schon sich volltrünkhen“, was die bürgerliche Obrigkeit „der örgernus halber auf kheine Weis gedulten solle“. Beklagt wurde die Zunahme der Unmoral, da viele uneheliche Kinder geboren wurden, woran die Eltern und Hausväter selbst daran schuld seien, weil sie ihre Häuser und Schlafkammern „nicht recht verspöhren, ia woll gar die Ehehalten unverspöhrter nit weith voneinander liegen“. Auch wurde gerügt, dass sie die Eltern „die Kinder und Ehehalten bis in die spate Nacht hinein beim Danz gedulden.“ Da erkannt wurde, dass in der Gemeinde die „Leichtferttigkheit stärkher als in andern Ohrten dieses Rentamtbts in Schwung ist“, wurden der Bürgermeister und der Rat „bey schwerer Verantwortung vor Gott und hoher Obrigkheit“ ermahnt, die diesbezüglich erlassenen Mandate einzuhalten und beispielsweise bei der üblichen „Rauchfang Beschau“ zugleich die Lage der Schlafstätten für die Kinder und Ehehalten zu prüfen; auch das „nächtliche Cammerfenster- und Gäßl gehen“ zu unterbinden.

    Bei Durchsicht der Kammerrechnungen (Rechungsbücher der Kämmerei) für die Jahre 1719 bis 1730 wurde von der Umrittskommission die Art der Rechnungsführung genau unter die Lupe genommen; vor allem auf die Führung der Bücher nach Einnahmen und Ausgaben das Augenmerk gelegt. So rügte die Kommission beispielsweise, dass im Jahr 1719 für das verliehene Bürgerrecht an den Metzger Leonhard Regner, der aus Furth auf das Anwesen Marktstraße 2 zugezogen war, nur 3 Gulden verlangt worden waren, den gleichen Betrag aber auch Johann Stroppel (Strobl) zu zahlen hatte, der nur für einen Inman (Inwohner) ohne eigenes Haus als Bürger aufgenommen worden war. Erst im Jahr 1728 erwarb dieser das Anwesen Blumengasse 1 von Barbara Kerscher. Insgesamt aber hielten sich für die einzelnen Jahre die Rügen an der Führung der Kämmerei-Bücher in Grenzen.

    Bürgermeister und Rat als Notariat

    Auch wurden die Briefprotokolle der Jahre 1719 bis 1731 geprüft. Das Protokoll für diese Zeitspanne zeigte sich „unfolirt und unein gebundten“. Eine Ermahnung an den Marktschreiber folgte. Verschiedene Verbriefungen und Niederschriften über Haus- und Grundstückskäufe wurden beanstandet und dazu rechtliche Belehrungen erteilt. Beispielsweise war im Jahr 1725 der Bürger Johann Hastreiter „auf die Gandt“ gekommen. Mit Einwilligung seiner „Creditoren“ (Gläubiger) wurden das Haus (Marktstraße 7) und weiteres Vermögen an den Bürgersohn Wolfgang Spät „ex officio“ (von Amts wegen) um 440 Gulden verkauft.  In diesem Fall wurde hart gerügt, dass „die Laudemia (zu entrichtende Gebühren bei Besitzveränderung) oder Kaufrechten nicht eingebracht oder überschrieben“ wurden. Johann Andre Chorherr, Kufnerssohn, hat nach Wien geheiratet. Hinterfragt wurde, ob er das „landesherrschaftliche Freygelt zum Pfleg Gericht Közting entrichtet“ habe. Die Tatsache „unterstehen sich Burgermaister und Rhat, dem Franzen Schmirl, Burger und Gastgebern (heute Gasthof Penzkofer) ainen Consens zue Verschreibung seiner churfrstl. Erbrechts Gütter umb 300 Gulden anlehen zu ertheilen“ wurde nicht gutgeheißen, „da ansonsten die Creditoren (Gläubiger) Schmirls in eine unverantwortliche Gefahr gerieten“.

    Durchgesehen wurden von der Umrittskommission auch die sog. „Inventurbücher“ aus den Jahren 1720 bis 1730. Es war üblich, nach dem Tode eines Bürgers bei Erbstreitigkeiten das gesamte hinterlassene mobile und immobile Vermögen schriftlich aufzunehmen und dann nach rechtlichen Gesichtspunkten unter die Erben zu verteilen. Diese Inventurbücher sind insoweit interessant als sie uns nach Jahrhunderten einen Einblick geben, wie unsere Vorfahren lebten – eine erschöpfend berichtende Quelle über die Wohnkultur unserer Altvordern. Bei dieser Prüfung wurden nur formale Fehler in den Niederschriften beanstandet; aber auch, dass z. B. „der Burgermaister und Rhat, von einer Inventur, und der Verthaillung“ zu hohe Gebühren von den Hinterbliebenen eingefordert hätten. Eine neu aufzustellende „Taxordtnung“ (Gebührensatzung) wurde ernstlich aufgetragen. Letztlich erfolgte noch die Prüfung der sog. Vormundschaftsrechnungen vom Jahr zuvor.

    Karge Löhne für die „Nachtwachter“

    In diesen Prüfberichten werden 40 Jahre später auch die Einkünfte einzelner Marktbediensteter aufgelistet. Mehrere erhaltene Quittungen dafür sind abgelegt unter dem Titel „Verificationen (Belege, bzw. Beweiszettel) zur Kammer Rechnung für den Churfstl. Gränz Bann Markt Eschlkam pro anno 1771“.

    So quittierten im Beisein des „Ehrnvestn, und Wohlweisen Herrn Andreas Meidinger, derzeit Ambtsburgermeister“ am 31. Dezember 1771 die Bürger Johann Sünger und Wolfgang Heislmayr dafür dass sie das ganze Jahr hindurch die „Nachwacht versehen, und die Uhr ausgeruffen den Empfang von 16 Gulden, für jeden 8 Gulden Lohn“. Damals verdiente ein Handwerker (Maurer oder Zimmermann) pro Woche etwa 2 Gulden. Johann Reiser erhielt als Marktdiener für das gleiche Jahr 20 Gulden. Mit eingeschlossen darin waren für ihn 4 Gulden Pfandgeld sowie die umsonst geleisteten Botendienste, ungefähr ½ Meile Wegs (knapp 4 km). Im gleichen Jahr erhielt Franz Anton Schmirl 2 Gulden 28 Kreuzer Reisegeld erstattet, da er als Vertreter der Gemeinde Eschlkam in Kötzting an der Beerdigung des kurfürstlichen Pfleg- und Landgerichtsschreibers Joseph Schultes teilgenommen hatte. Die Petschaft Schmirls im Archivale zeigt einen aufsteigenden Löwen nach links gerichtet. Am 2. März 1774 erhielt Michael Grauvogel, „burgerlicher Chyrurgus“ (damals ein Wundarzt – er praktizierte im ehemaligen Badhaus, Kleinaigner Straße 3) 8 Gulden 48 Kreuzer erstattet für „Pier und Brod“, das er bei „Übergebung“ des Bürgermeisteramtes ausgegeben hatte. Wolfgang Hausladen, Gastgeber (Haus Nr. 21), erhielt am 15. März 2 Gulden 39 Kreuzer für Bier und Brot, was die „Ratsfreunde“ (Markträte), die Viertelmeister (Markträte) und der Ratsdiener verzehrt hatten, als sie in allen Häusern die „Rauchfang Visitation“ (Prüfung der Kamine) vornahmen. Am letzten Tag des Jahres 1774 erhielt der Nachtwächter Andre Fleischmann 2 Gulden „Herbergsgeld“ (Mietzuschuss) ausbezahlt.

    Resumee:

    Auch damals schon, vor nahezu 300 Jahren, geben die hier erwähnten Protokolle einen direkten und ungeschönten Einblick in die Verhältnisse zwischen den Marktbewohnern und der Obrigkeit. Ausführlich lesen wir von den alltäglichen Problemen, den kleinen Differenzen zwischen der geistlichen und weltlichen Obrigkeit, auch von denen der Bürger untereinander – Angelegenheiten, die sich in gleicher oder ähnlicher Art und Weise bis in unsere Zeit stets wiederholen.

     

    Werner Perlinger

  • Die alte Schule wurde erst im Jahre 1896 erbaut – kein Hinweis im Archiv

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    Eschlkam.Wer von Furth kommend die Anhöhe zum Marktplatz hochfährt, dem fällt ein an der Gabelung Waldschmidtstraße/Marktstraße stehendes wuchtiges Gebäude auf. Im Gegensatz zu den anderen Bürgerhäusern zeigt es drei Etagen und lässt an seinem Äußeren leicht erkennen, dass es sich hierbei nicht um ein herkömmliches Bürgerhaus handeln kann. Tatsächlich diente das Gebäude bis zum Jahr 1959 als Volksschule. Interessant dabei ist, dass die bisher in chronikalen Abhandlungen stets genannte Bauzeit 1824 nicht stimmt.

    Vorerst aber einiges aus der Eschlkamer Schulgeschichte, jedoch nur punktuell angeführt: So wird in der Generalvisitation der Diözese Regensburg vom Jahre 1590 erstmals das Schulwesen im Markte erwähnt mit dem Hinweis: „Schuelmaister allda mit Namen Wilhelm Ottenseel; er hält allein im Winter Schule. Ein Verzeichnis der defectn (Mängel) wurde dem Herrn Pfleger übergeben. Wie im benachbarten Furth auch, gab es im Markt bereits eine Schule, wenn auch die Einrichtung (vielleicht bauliche) Mängel aufweise.  

    Der Hinweis anlässlich der Hausübergabe von Nr. 69, jetzt Großaignerstraße 7, im Jahr 1754: „nach Wissen ältester Bürger stand dort einst das „gemainer Markts Schuller Häusl“, lässt die Vermutung zu, dass an nahezu gleicher Stelle wohl schon vor dem Dreißigjährigen Krieg (siehe 1590) das erste Schulhaus von Eschlkam anzusiedeln wäre.  Einen Beweis für seine Existenz liefert auch ein amtlicher Bericht vom Jahr 1616. Darin wurde ein besserer Besuch der Schule angemahnt, da die Kinder nur im Winter in die Schule geschickt würden und im Sommer aber „dahaimb bei der Arbeit behelt (würden)“; und dies obwohl die „Khinderlehr (Religionsunterricht) gehalten würde und auch die Schuell bestellt (in Ordnung) sei“. Nach den massiven Zerstörungen im Dreißigjährigen Krieg (besonders im Jahr 1634) fand der Unterricht dann über eine lange Zeit sehr häufig im Mesnerhaus, oder auch im Hause der einzelnen Lehrer statt, z. B. in Nr. 64, nun Großaigner Straße 11, allein von 1734-1824.        

    Am 6. August 1688 erhielt den Lehrerposten der Mesner Wolfgang Khininger mit Wirkung von Michaeli (29. September) an. In den Sommermonaten zuvor entfiel in der Regel der Schuldienst, da die Kinder für die vermehrt anfallenden landwirtschaftlichen Arbeiten oft unentbehrlich waren – ein Trend, der bis in unsere Zeit herein spürbar war. 1691, am 4. März bittet Hans Wolf Tenzl um die Übertragung der Schulmeisterstelle. Als Qualifikation bringt er vor, er habe das 6. Schuljahr absolviert und deshalb sei er im Rechnen, Lesen und Schreiben entsprechend erfahren. Der Rat stimmte dem Antrag zu. 1724 hieß der Schullehrer im Markte Liborius Greß. Ausgezeichnet unterrichte er bereits drei Jahre an der Schule, so ein Bericht des damaligen Pfarrers Michael Oberschwender an die Diözese Regensburg.

    Einführung der Schulpflicht

    Es sollte fast noch ein Jahrhundert dauern, als am 23. Dezember 1802 durch Verordnung des Kurfürsten Max IV. in Bayern die >Allgemeine Schulpflicht< und ein Jahr später ein allgemein verbindliches Lehrerbildungsgesetz eingeführt wurden. Mit der einsetzenden Lehrerausbildung kamen neue Ideen und konkrete Lehrmethoden in die Schule. Erstmals konnten die Kinder die doch so notwendigen Schulbücher benützen. Im Laufe der nächsten Jahre kamen die Markträte zur Erkenntnis, es müsse nun endgültig ein geeignetes Schulhaus gebaut werden. Dafür wählte man einen im Markt von den Straßenführungen her zentral liegenden Platz. Es war dies der, wo damals das „Metzger-Flore-Haus“ Nr. 24 stand. 1824 erwarb nun der „Schulsprengel Eschlkam“ das für die Schulkinder günstig gelegene Anwesen für ein künftiges Schulhaus von dem Metzger Riederer. Dieser kaufte sich aus dem Verkaufserlös das Anwesen Nr. 61, heute Großaigner Straße 1. Die lange schon gewünschte Schule mit Lehrerwohnung konnte endgültig gebaut werden.

    Der Staat wird aktiv

    Im Plan der Erstvermessung vom Jahr 1840 ist das Schulhaus eingezeichnet als ein von der Fläche her verhältnismäßig kleines Gebäude, baulich sich anlehnend an das Nachbaranwesen Nr. 23 (Marktstraße 2). Im Westen wie auch südlich zu den Straßen hin waren kleine Gartenflächen vorgelagert. Diese gezeichnete Bausituation entspricht aber keineswegs dem vorhandenen mächtigen Baukörper der sog. „alten Schule“. Im Marktarchiv findet sich jedoch kein Hinweis auf eine spätere Baumaßnahme. Man steht vor einem Rätsel. Erst ein Blick in die Kataster-Umschreibe-Hefte im Staatsarchiv Landshut schuf Klarheit. Am 7. April 1896 kaufte der Staat, nicht mehr der Schulsprengel bzw. die Gemeinde, die zwei anliegenden freien Grundflächen und die nächste Schule konnte nun in den uns sichtbaren Dimensionen gebaut und in Betrieb genommen werden, heute die „alte Schule“.

    Am 2. Oktober 1955 wurde der Grundstein zur jetzigen dritten Schule am Ortsrand gelegt und diese am 12. Februar 1957 eingeweiht. Aber erst 1959 schloss das mächtige Haus im Marktzentrum endgültig seine Pforte, und die heutige Schule an der Schulstraße nahm ihren vollen Betrieb auf.

     

    Werner Perlinger

  • Als in Eschlkam die Turmuhr streikte – Mesner Zirngibel wehrt sich entschieden gegen Vorwürfe

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    Eschlkam. Im Gegensatz zu heute, wo jeder Haushalt über eine oder mehrere Zeitmesser verfügt, waren in frühen Zeiten für die Bewohner einer Stadt, eines Marktes oder auch eines Dorfes Uhren, angebracht in luftiger Höhe an den Kirchtürmen, eine weit größere Bedeutung. Wenn heute nur mehr vereinzelt, so richteten früher die Menschen immer wieder ihren Blick auf die Uhr im Turm, ob sie nun direkt davor standen oder sich gerade entfernt auf freiem Gelände befanden. Umso mehr wurde darauf geachtet, dass diese Uhren, Werke metallmechanischer Kunst, stets einigermaßen genau die Zeit vermittelten. Das brachte es aber mit sich, dass Reparaturen häufig nötig waren. So erhielt im Jahr 1748 Wolfgang Stauber, Uhrmacher und bürgerlicher Inwohner in Eschlkam, 3 Gulden für Reparaturen an der damaligen Uhr im Kirchturm. 1761 erst konnte er für sich und seine Familie im Markt mit Nr. 22 ein eigenes Haus erwerben.      

    Gut 100 Jahre später, am 7. Januar 1856, beklagte sich der Magistrat unter Bürgermeister Simon Moreth gegenüber der Kirchenverwaltung (im Folgenden: KV): „seit den Sommer-Monaten vorigen Jahres macht man die Wahrnehmung, daß die hiesige Kirchenuhr bald zu früh, bald zu spät geht und manchmal ganz und gar steht“. Unverständnis äußerte der Magistrat deshalb, weil die Uhr vor nicht langer Zeit von dem Chamer Uhrmacher Steidl repariert worden sei und von der KV sogar ein Sextant „behufs richtiger Stellung der Uhr angekauft wurde“. Daher nahm der Magistrat an, dass der Sextant nicht benützt, die Uhr „entweder nicht fleißig aufgezogen, oder aus irgend einer Absicht bald vorgetrieben, bald zurückgehalten wird“. Die sofortige Beseitigung dieses Missstandes wird gefordert, sonst müsste „dem jetzigen Uhraufzieher dieses Geschäft abgenommen und dasselbe einem anderen hierzu tauglichen Individuum übertragen werden“. Der „Uhraufzieher“ war seit Jahren der Mesner Joseph Zirngibel. 

    Einen Tag später antwortet Pfarrer Karl Pittinger als Vorstand der KV, der Sextant werde „fleißig benützt wenn die Sonne scheint und die gemachten Wahrnehmungen würden dann dem Mesner gesagt, um sowohl seine Zimmer-Uhren, als auch die Thurm-Uhr darnach zu regulieren wie dies mit den Uhren im Pfarrhause geschieht“. Auch der Uhrmacher Steidl werde bald kommen und nach der Ursache forschen. Ein Sextant, als Gerät besser bekannt bei der Seefahrt für die Lagebestimmung, dient der Feststellung der wahren Mittagszeit, nämlich dann, wenn die Sonne am höchsten steht. In diesem Moment hatte der Mesner die Turmuhr genau auf 12 Uhr einzustellen.

    Schon im März 1843 seien die gleichen Probleme aufgetreten. Sogar die „Titl. (titulierten) Herren Hauptzollamtsbeamten haben zur Zeit der Titl. Herren Oberinspectoren Vogl und Rehm das öftere unrichtige Gehen und Schlagen der Kirchthurm-Uhr mündlich (mitunter 1 Mal auch schriftlich) getadelt“. NB. (Nota bene) meinte Pfarrer Pittinger, der Sextant sei dem Mesner einige Wochen lang samt den Instruktionen über seinen Gebrauch in seiner Wohnung gelassen worden um mit dessen Hilfe die Uhren darnach zu regulieren. Pittinger glaubte eher, Zirngibel habe das Gerät nicht benutzt.

    Der streitbare Mesner

    Zur Person: Josef Zirngibel, geb. am 21. Januar 1783, wohnte als Mesner im sog. Mesnerhaus Nr. 27/Kirchstraße 3.Seit 1808 war er verheiratet mit Anna Maria Januel, Lehrerstochter von Rimbach. Als Witwer will er 1844 Therese Stauber, Bräumeisterstochter (28 Jahre alt) heiraten. Die Genehmigung wird ihm vom Marktrat zunächst versagt, da er als „veraltert und abgekarpfet“ gilt. Auf seinen Einspruch hin erlaubte das Landgericht Kötzting als höhere Instanz schließlich die Heirat. Nomen est Omen - der Name „Zirngibel“ bedeutet sprachetymologisch den „Raufbold“, eben einen streitbaren Menschen. Der Begriff >Mesner< leitet sich ab von dem lateinischen Wort „mansorius“, was so viel heißt wie „Hausverwalter, Hausmeister“, in unserem Fall für die Pfarrkirche.

    Zirngibel erkannte, dass man ihm die Schuld an dem Malheur zuschieben wolle und deshalb bezog er zu den erwähnten Vorwürfen am 12. Januar ausführlich Stellung: Nicht er sei schuld an dem „unregelmäßigen Gang“ der Uhr, „sondern daß bei der heurigen großen Kälte kein Schall-Laden vor den Fenstern“ im Gegensatz zu früher angebracht sei. Darüber hinaus wirke sich die Zugluft auf die Uhr höchst nachteilig aus. Gleiche Probleme gebe es auch in Furth, so Zirngibel. Gleichzeitig monierte er, „dass die Wechselstangen durch starke Winde ausgehoben wurden“, er aber diesen Schaden selbst bereinigt habe. Diese Gestänge sind die Verbindungen zu den vier Zifferblättern. Letztlich meint der Mesner, ich „darf aber auch hoffen, daß man für einen 74 jährigen Mann etwas Schonung haben möchte“, da er in kurzer Zeit 50 Dienstjahre erreichen werde. Zirngibel unterschrieb als Pfarrmesner und Cantor, denn leitete er auch den Kirchenchor.

    Am 16. Januar nimmt Zirngibel erneut Stellung zu drei Fragen der KV: Demnach seien an der jeweils auftretenden falschen Zeitangabe – die Uhr geht einmal vor und dann wieder nach – der starke Wind und die große Kälte schuld, umso mehr als vor den sehr großen Schallfenstern keine schützenden Läden angebracht seien. Auch möge hinsichtlich der Vorwürfe die Uhr „von unparteiischen Kennern untersucht werden“. Und sollte ihm der kleinste Fehler angelastet werden, wolle er sich einen „Verweis gefallen lassen. Jedoch behalte ich mir das Aufziehen bevor, wie seit meiner Anstellung“.

    Auf die dritte und letzte Frage, ob er „ein taugliches Individuum vorschlage oder nicht, antwortete Zirngibel selbstbewusst: „Keineswegs, ich will und werde meine Pflichten erfüllen, und nicht das geringste von (des) Dienstes Erträgnissen ablassen, wohl mein Nachfolger kann thuen was er will“. Mit diesen Aussagen Zirngibels endet der Akt. Man hatte es dabei bewenden lassen. Wahrscheinlich wurden wegen der Kälte schützende Maßnahmen ergriffen, damit beispielsweise die Öle im Gangwerk nicht verhärteten oder in den heißen Sommermonaten verharzten und eintrockneten. Denn gerade diese technisch bedingten Umstände hinderten den genauen Gang der Kirchturmuhr im Markte Eschlkam.

     

    Werner Perlinger

  • Aus alten Protokollen des Handwerks – der Willkür war oft Tor und Tür geöffnet

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    Eschlkam. In den archivischen Sammlungen finden sich zahlreiche Niederschriften, die sich mit der Konzession befassen, im Markt ein Handwerk ausüben zu dürfen. Das Prozedere war stets gleich. Der Antragssteller, fast immer ein Nachkomme eines noch tätigen Handwerkers, bittet den Marktrat um die Genehmigung in die Fußstapfen des Vaters oder Onkels treten zu dürfen. Vorgelegt dafür wurden eine Ausbildungsbestätigung, ein in der Regel in attraktiver urkundlicher Form abgefasster Nachweis der abgeleisteten Militärpflicht, dann vor allem ein Attest, dass der Antragssteller sich einer Pockenschutzimpfung unterzogen hatte. Mit dem Begriff >Pocken< oder auch >Blattern< genannt, bezeichnet man eine für den Menschen gefährliche und lebensbedrohliche Infektionskrankheit, woran früher viele Menschen starben, daher die Impflicht. Von entscheidender Bedeutung war daneben das „Leumundszeugnis“, ausgestellt bei einem Sohn des Marktes von der Ortsbehörde selbst oder von der Behörde woher der Bittsteller kam.

    Der Marktrat, bestehend aus ansässigen Bürgern, gehörend zur wirtschaftlich besser gestellten Schicht, die als Ökonomiebürger nebenher selbst ein Handwerk ausübten, prüften die eingereichten Unterlagen. Vor allem wurde großer Wert darauf gelegt, dass bei Erteilung von Eheerlaubnissen, der Ansässigmachung und damit verbunden mit der Ausübung eines Handwerks oder sonstigen Gewerbes künftig der „Nahrungsstand gesichert ist“. Der Bittsteller musste beispielsweise darlegen, wieviel an Heiratsgut er oder die künftige Ehefrau als Grundvermögen mit in die Ehe bringen, oder ein Elternteil bürgte für eine gesicherte wirtschaftliche Zukunft.

    Nicht selten wurden die Anträge auf Heirat oder Gewerbeausübung so mancher Bittsteller abgewiesen mit dem genannten Argument des „nicht gesicherten Nahrungsstandes“.

    Und so kamen meist die noch jungen Leute in unliebsame Nöte. Oft nannte das heiratswillige Paar bereits ein oder zwei, ja manchmal drei Kinder sein eigen. Und wiederholte Bitten auf die Erteilung einer Heiratserlaubnis wurden oft unisono, manchmal sogar schroff formuliert, verweigert.

    Mögliche Konkurrenz ausgeschaltet

    Das galt auch für die Arbeitserlaubnis von einfachen Tagelöhnern oder eben auch für angehende Handwerker. In diesem Fällen wurde meistens darauf verwiesen, dass gerade auf diesem Sektor der Handwerkszweig bereits voll ausgelastet sei. Aber stimmte das auch?

    Wir müssen eines wissen: Die Entscheider übten meist selbst ein Handwerk aus oder waren Krämer oder Händler, und diese Schicht fürchtete die an die Tür des Marktes klopfende Konkurrenz. Aus den zahlreichen Unterlagen sei daher beispielhaft für eine unbedingt gewollte aber letztlich doch nicht durchsetzbare Abweisung der Fall des „concessionierten Schreiners“ Joseph Blab angeführt:

    Zur Vorgeschichte: 1822 erhielt Blab vom Landgericht Kötzting die Zulassung als Schreiner im Markte Eschlkam und dazu vom Marktrat auch das Bürgerrecht. Am 26. November 1825 berichtet Blab an die der Marktbehörde vorgesetzte oberste Behörde, der „Königlichen baierischen Regierung des Unterdonaukreises, Kammer des Innern“ mit Sitz in Passau, er müsse sich verehelichen, da er als „Gewerbemann…u.a. der weiblichen Arbeit nicht vorstehen könne“. Er habe daher die Marktbehörde um die nötige Heiratslizenz gebeten, was diese aber bisher verweigert. So bat er nun als bürgerlicher Schreinermeister von Eschlkam diese hohe Behörde um richterliche Hilfe. Zwei Monate später, am 28. Januar 1826 erklärte die Marktbehörde die Verweigerung gegenüber Blab mit den Hinweisen, „daß Blab nur ein gutes Auge besitzt, ferner als Marktmusikant“ für die Ausübung des Gewerbes er sich „mehr in geschwächter, als gesunder Leibesconstitution befindet“. Deshalb könne die Zusage zur Verehelichung nicht gegeben werden. Sämtliche Markträte, neun an der Zahl und allesamt Handwerker, unterschrieben diese Entscheidung.

    Pfarrer Albert Wagner hilft

    Die Situation für Blab erschien aussichtslos, da mischte sich der Ortspfarrer Albert Wagner ein. Er galt als ein Priester von tiefer moralischer Gesinnung und stand der Pfarrei von 1811-1828 vor. Seine für den Leser sehr interessante Stellungnahme lautet: „Sonderbar! Wie man von Seite der Bürgerschaft und ihrer Vertreter den unsittlichsten und heillosesten Menschen, als z. B. einem Anton Pach und einem Michel Hastreiter die Heuraths-Bewilligung ohne Bedenken ertheilet: ordentlichen Menschen aber, und sittlichen guten, z.B. dem Joseph Blab dieselben abschlägt, oder ihnen, was einem Schullehrer Dobler wiederfahren ist, Hindernisse über Hindernisse entgegensetzt!!!

    Das einzig gesunde Auge des Jos. Blab und sein vorgeblich geschwächter Gesundheits-Zustand sind gesuchte Vorwände. Blab hat mit einem Auge bisher arbeiten können: wird es ferner können, hat auch auf Doktor und Apotheke noch keinen Kreuzer verwendet. Die wahre Ursache (für die Ablehnung) läßt sich leicht errathen; es ist der leidige Brodneid von Seite der übrigen Schreiner; weil sie die schönen Arbeiten, welche Blab liefert, nicht machen können.“ (gez.) Wagner, Pfarrer.

    Die Worte des Pfarrers schienen nicht wirkungslos gewesen zu sein. Am 12. April 1826 entschied der Regierungsbeamte Mulzer von der Behörde in Passau, dass der Marktrat „aus ganz ungültigen Gründen die Erlaubnis zur Verehelichung versagte“. Auch rügte Mulzer, dass die Marktführung „eine so auffallende Willkür und ausdrücklichste Vernachlässigung des Gesetzes an den Tag gelegt“ habe.  Joseph Blab, geb. 1792, Sohn des Eschlkamer Bürgersleute Georg und Therese Blab, hatte gewonnen. Er durfte am 29. Mai 1826 seine Braut, die Häuslerstochter Anna Seiderer heiraten – „eine Person von guter Aufführung und die auch nicht ohne Vermögen ist“. 1828 erbaute Blab auf einer von Joseph Bartl gekauften kleinen Wiese unmittelbar neben dem Torhaus ein eigenes Haus, die Nr. 74, heute Kirchstraße 6. Zehn Jahre später, 1836, verstarb Blab. Seine Witwe heiratete sechs Jahre später, 1844, den Straßenwegmacher Johann Messerschmied aus Regen.

     

    Werner Perlinger

  • Aus einem Polizei Verhandlungs- und Strafprotokoll der Jahre 1819/21

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    Eschlkam. Im Rahmen der gegebenen Polizeihoheit hatte der Marktrat für die Wahrung der allgemeinen öffentlichen Sicherheit und Ordnung zu sorgen. Diese unliebsamen Aufgaben waren in der Regel dem jeweiligen Marktknecht übertragen. Wie in allen Orten im Hohenbogen-Winkel, so wurde auch in Eschlkam besonders auf die Sicherheit vor Schadensfeuer geachtet, denn bekanntlich zerstörten Brände früher mitunter ganze Ortsteile. Besonders wurde dem Flachsdörren (am eigenen Herd) und Flachsbrechen in den Stuben besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Der Marktrat hatte auch die Brot-, Fleisch und Mühlenbeschau durchzuführen, die Lebensmittelpreise zu prüfen und bei den Bäckern das Gewicht der Produkte zu überwachen. Für diese Dienste wurden bei jeder Ratswahl eigens Personen aus dem Ratsgremium bestimmt.

    Im Marktarchiv finden sich zahlreiche polizeiliche Protokollniederschriften, vor allem aus dem frühen 19. Jahrhundert. Es seien aus den Jahren 1819 und 1821 im Detail einige Vorkommnisse geschildert, die sich oft wiederholten, jedoch in strafrechtlicher Hinsicht zu den wirklich kleinen Delikten zählen, die darum auch nur vom Magistrat abgehandelt wurden.

    Der erste Fall schildert eine Beleidigung wie sie so oder ähnlich in den Wirtshäusern von Eschlkam „beim Bier“ zu fortgeschrittener Stunde immer wieder vorkamen. Die Angelegenheit kam vor das Marktgericht, dem am 6. Dezember 1819 Bürgermeister Schreiner (einer der Hoamater; Hsnr. 37/38/ Marktstraße 11) und die Markträte Bartl (Hsnr. 25/Waldschmidtplatz 8) und (Ignaz) Schmirl (Hsnr. 72/Marktstraße 12), vorsaßen. Was war geschehen: „Anton Hastreiter, Bürger und Bäckermühlner derorten (Hsnr. 46/Bäckermühle 1 u. 2), hat sich in der Gastgebsbehausung des Andrä Kilger (Hsnr. 58/Blumengasse 2) erfrecht, den 4. Herrn Magistratsrat Joseph Korherr (Kufner auf Hsnr. 71/ Großaigner Straße 2) einen Lumpen zu schimpfen, welches er auch vor Magistrat heute nicht in Abrede stellen konnte“. Hastreiter fügte an, „es sey ihm diese Injurie (Beleidigung) leider in der Trunkenheit ausgebrochen“. Dem Hastreiter wurde sein Tun „allen Ernstes verwiesen“ und ihm empfohlen „für hinkünftig eine höhere Achtung, und bescheidenes Betragen aufzutragen.“ Zusätzlich wurde er gewarnt, „daß man einen weiter solchen Vorfall hohen Orts anzeigen, und zur empfindlichen Bestraffung überschreiben werde.“ Hastreiter musste zur Strafe 1 Gulden entrichten und „ad fundus Paup(erum), an die Armenkasse, 28 Kreuzer. Das Urteil unterschrieben Hastreiter (des Schreibens unkundig) mit einem Handzeichen und Joseph Korherr.

    Am 13. Januar 1821 beschwert sich vor dem für polizeiliche Verhandlungen zuständigen Ratsgremium, gebildet aus dem Bürgermeister Schreiner und den Magistratsräten Bartl, Schmirl und Korherr, der bürgerliche Metzger Joseph Scheppel (Hsnr. 34/Marktstraße 5), „daß Johann Leuthermann, bürgerlicher Insasse (sich) unterfangen habe große Rinder Vieh zu schlachten und auszupfunden“. Der so Beklagte stellte den Vorwurf nicht in Abrede. Es wurde ihm sein „Anmaßen strengstens verwiesen“ und mit einer Strafe in Höhe von 1 Gulden 24 Kreuzer belegt. Am gleichen Tag wurden im Markt auch die von den Krämern angebotenen „Victualien“ (Lebensmittel) überprüft, ebenso die Maße und Gewichte und sämtliche Prüfobjekte insgesamt. Alles wurde für in Ordnung befunden.

    Die Jugend am Tanzboden

    Am 25. Januar 1821, auch damals wurden bereits Faschingsveranstaltungen abgehalten, mussten Übertretungen geahndet werden: „Wiewohl am letzten Sonntag gehörig und öffentlich bekannt gemacht worden war, daß keine Feiertagsschüler (heute der Berufsschüler) unter 16 Jahren und Mädchen unter 14 Jahren bei einer Tanzmusik sollen sich blicken lassen, und im Übertretungsfall die nachläßigen Eltern“ bestraft würden, „so haben sich Joseph Fischer und Georg Pfeffer, Bürgerssöhn […] um 7 Uhr Abends beym Wirth Joseph Spaeth (Hsnr. 5/Further Straße 3) tanzend betreten lassen“. Deshalb wurde den beiden und auch ihren Eltern ihr Vergehen „strengstens verwiesen“. Auch wurde den Eltern aufgetragen auf ihre Kinder „mehr wachsame Augen zu haben“. Zur Strafe mussten die beiden Burschen je 15 Kreuzer an die Marktkasse entrichten.

    Am 20. Juni wurde der Metzger Scheppel selbst zum Beklagten. Zum Vorwurf wurde ihm gemacht, dass er am Freitag, den 15. Juni ein großes Rind schlachtete, „ohne hinzu den Polizeydiener und den Bankknecht (Bediensteter der Fleischbank) beigezogen zu haben und vom Victualien Komißar (die Schlachtung) zugleich besichtigt worden zu seyn“. Eine Geldbuße war die Folge.

    Am 1. September wurde die Baderswitwe Rosalia Grauvoglin (Hsnr. 7/Kleinaigner Straße 3) erntlich gerügt, sie habe in ihrem Backofen, welcher „mit keinem eisernen Schupp (Ofentüre) versehen“, Flachs gedörrt und dieser ist dabei „brennend geworden“. Sie sorgte selbst für rasche Abhilfe, daher fiel die Strafgebühr in Höhe von 30 Kreuzern noch milde aus. Gerade das Dörren von Flachs in Privat- und nicht in den abseits der bürgerlichen Bebauung liegenden Brechhäusern war oftmals Ursache für verheerende Schadensfeuer.

    „Die im Dienst zu verweisen seyende ledige Weibspersonen“, war stets auch Aufgabe des Magistrats. Dieser stellte im November 1821 folgendes fest: „es schleicht sich der Unfug ein, daß mehrere ledige Weibspersonen, die allerdings zum Dienen geeignet, […] dem Dienen (als Magd oder Hausbedienstete) sich entziehen, wodurch man über ihr sittliches Betragen nicht hinlänglich versichert ist. Magistratseits hat man nun die Verfügung getroffen und die Beschreibung dieser Weibspersonen, als auch der groß erwachsenen unehelichen Kinder angeordnet“, um ein Verzeichnis darüber an das Königliche Landgericht weiterleiten zu können. Ebenso wurden die „Wanderbüchel“ (Beschäftigungsnachweise) registriert, um diesen Personenkreis „beim nächsten Heiligen Lichtmeß anno 1822 in (den) Dienst zu schaffen“. Eine wirklich wirksame Abhilfe konnten diese Maßnahmen mangels ständiger Beaufsichtigung nicht sein, wie letztlich die zahlreichen unehelichen Geburten beweisen. Noch lag in weiter Ferne das erst zum 1. Januar 1876 eingeführte Gesetz, das die Ehefreiheit grundsätzlich allen sozialen Schichten garantierte.

     

    Werner Perlinger

  • Der Fall der Katharina Falter – eine Frau mit Kindern ohne Heimat

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    Eschlkam. Die Marktbehörde hatte sich mitunter auch mit herumziehenden Personen zu beschäftigen, die keinen Pass oder gar einen festen Wohnsitz aufweisen konnten. Unter dem Titel >Die Vagantin Katharina Falterin< schildert ein Akt im Marktarchiv wie beispielsweise im Jahr 1837 die Behörden mit wohnsitzlosen Personen umgingen. Das Wort >Vagantin< (von lateinisch vagare für umherstreifen, ziellos unterwegs sein) meint hier eine Bettlerin. Sie gehörte zur untersten sozialen Schicht, die ihren Lebensunterhalt ganz oder teilweise aus Almosen, milden Gaben bestritt. Eine soziale Absicherung wie wir sie heute schon lange kennen – und das sei vorausgeschickt - gab es damals nicht.

    So schreibt am 30. April 1837 Josef Schrimpf, Stadtrichter des Stadtgerichts Neumark (Všeruby) in Böhmen an die Marktbehörde, dass eine Katharina Falter, gebürtig aus „Krabitz“ (seit 1946 ein Ortsteil der Stadt Furth), welche mit 3 lebenden Kindern versehen ist, wegen Paßlosigkeit, arbeitslosen Herumziehen und Betteln abgeschafft (ausgewiesen) wurde“. Schrimpf stellte an Eschlkam noch das „dienstfreundliche Ansuchen“ die Person an das für sie zuständige Pfleggericht „abzuliefern“. Besonders wurde bemerkt, dass „dieselbe ihr vorgeschriebenes Zehrgeld zu 6 Kreuzer erhalten hat“. Also hat man die Frau nicht ohne Unterstützung weitergeschickt.

    Nur einen Tag später, am 1. Mai, beschwert sich Stadtrichter Schrimpf beim Markt, die Falter sei mit ihren 3 Kindern „heutigen Tags wieder hierher transportiert“ worden. Daher sah sich Neumark „bemüssigt, selbe neuerdings über die Gränze fortschaffen“ zu lassen „mit dem Ansuchen selbe nicht nach Krabiz sondern zum Landgericht Cham zu übersenden“, da sie „im königlichen Bayern gebürtig ist“.

    Eine Hin- und Herschieberei hatte begonnen, man muss sich nur in die Lage der Frau und ihrer Kinder versetzen. Sollte die Falter nicht geduldet und wieder „anher gesendet“ werden, werde man sich an das K(aiserlich) K(önigliche) Kreisamt wenden und um Schutz für einen „angedrungenen (aufgedrängten) Ausländer“ (bitten). Einen Tag später, am 2. Mai, informiert der Eschlkamer Bürgermeister (Michael) Kaufmann (Hsnr. 31/Burgweg 2), „(die Falter) wird wieder nach Grabitz in ihr Heimatort samt ihren 3 lebenden Kindern ergo recepisse (wegen Rücknahme) verschoben zur ersten Schubstation Furth alldahin“. Dort in Grabitz lebte noch ihr Vater Blasius Falter als „aufgenommener Insaß“ (wohl im Armenhaus; über eine solche Einrichtung verfügte jede Gemeinde).

    Am 6. Mai forderte das Landgericht Kötzting vom Markt, sich künftig „strenger an die bestehenden Verordnungen über Annahme von Personen, die vom Auslande (hier Böhmen, das zur K. K. Monarchie Österreich gehörte) eingeschoben werden wollen, zu halten“. Eine weitere Stellungnahme zur „Haimath der Katharina Falter“ gab am 8. Mai das Landgericht Cham gegenüber der Kötztinger Behörde ab.

    Nach erneuter Schilderung der einzelnen Abläufe erfahren wir dabei, dass die Falter vorher im Banat gewesen ist. Wohl war sie vor geraumer Zeit – wie viele andere Deutsche aus Armutsgründen auch - in dieses Land ausgewandert und kehrte dann wohl wegen für sie gegebener Perspektivlosigkeit wieder in ihre Heimat zurück.

    Gerügt wurde vom Chamer Landrichter (Dr. Franz Xaver) Reber, dass der Markt die Frau mit den Kindern ohne Nachprüfung ihrer Staatsangehörigkeit übernommen habe, „ohne dass der Nachweis ihres Heimatrechts dem Schubpaß (Abschiebeformular) beigefügt war“. Nachdem die böhmische Behörde die Falter nicht mehr zurücknehmen wolle, „so verwahrt man sich hiermit gegen die Haimaths- und Alimentationslast (Sorge für den Lebensunterhalt) bezüglich derselben, wenn sie als der Gemeinde Grabitz angehörig nicht anerkannt werden sollte“. Wie die Angelegenheit für die Falter und ihre Kinder schließlich endete, berichtet der Akt nicht. Wahrscheinlich verblieb die Falter mit ihren Kindern für die nächste Zeit in Grabitz, unterstützt von der dortigen Gemeinde.

    Bei Betrachtung dieser Vorgänge müsse man sich schon auch fragen welche Chancen die Kinder solcher heimatlosen Leute hatten. Obwohl bereits am 23. Dezember 1802 durch Verordnung des Kurfürsten Max IV. in Bayern die >Allgemeine Schulpflicht< gesetzlich verpflichtend war konnten die Kinder der Falter für längere Zeit kaum eine Schule besuchen. Sie blieben meist Analphabeten. Damit war ihnen eine wesentliche Möglichkeit genommen aus dem Teufelskreis des Vagantenwesens auszubrechen und mittels Erlernung eines Berufes einen bescheidenen gesellschaftlichen Aufstieg zu wagen.

    Im folgenden Artikel wird der Leser erfahren, wo im Markte und auf welche Weise die sog. Vaganten, die nicht sesshaften Leute jeweils über Nacht notgedrungen beherbergt wurden.

     

    Werner Perlinger

  • Als es im Markte Eschlkam einer geeigneten Arrestzelle ermangelte

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    Eschlkam. Im Jahre 1824, die napoleonischen Kriege waren gerade mal zehn Jahre vorbei, ging es im Markt um die Einrichtung eines sog. Arrestlokals, also einer Art Gefängnis. Denn notorische Bettler und sonstige Herumtreiber, die bewusst jegliche geregelte Arbeit mieden, gab es damals zuhauf und dieser damals nicht kleine Personenkreis stellte häufig eine erhebliche Belastung für die Städte, Märkte und das offene Land dar. Diese Leute gab es zu allen Zeiten, denn eine soziale Absicherung in den verschiedenen Facetten, wie heute üblich, war nicht gegeben. Nicht selten wurde das Bettler- und Vagantenwesen zu einer Plage, besonders dann, wenn sich unter ihnen gefährliche Leute befanden, die, um an Geld zu kommen, vor einzelnen schweren Straftaten wie Diebstahl oder Raub nicht zurückschreckten. Gerade das Grenzgebiet war oft von solchen Leuten regelrecht überlaufen und irgendwie musste man seine Bürger schützen, so auch im Gemeindegebiet von Eschlkam. Wurde man dieser Leute habhaft, kamen sie bis zum nächsten Tag in einem dafür vorgesehenen „Arrestlokal“ in Haft, um sie dann weiterziehen zu lassen (erinnern wir uns an die „Vagantin“ Katharina Falter und deren Schicksal im letzten Artikel).

    Arrestlokal im Hüthaus

    Das Landgericht Kötzting als die dem Markt übergeordnete Behörde, heute wäre es das zuständige Landratsamt, wünschte am 23. Januar 1824 innerhalb von acht Tagen Aufklärung darüber, warum das Arrestlokal im Hüthause und nicht im Hause des Marktdieners untergebracht sei. Das sog. „Hiethaus“, worin früher die Hirten mit ihren Familien wohnten, hatte einst die Nr. 49, nun Steinweg 6. Zugleich wurde es auch als „Armenhaus“ genützt, wo völlig mittellose Personen des Marktes eine Herberge fanden. Dagegen wohnten die einzelnen Marktdiener mit ihren Familien über lange Zeit hinweg in Anwesen Nr. 62, jetzt Großaigner Straße 5. Am 31. Januar antwortete die Gemeinde dahingehend, dass für ein Arrestlokal das Haus des Marktdieners ungeeignet sei, da es gänzlich nur aus Holz bestehe und derzeit durch die Familie des Marktdieners (Franz Pinzinger) mit acht Kindern überbelegt sei. Außerdem liege dieses Häusel abseits auf einem Hügel, was die mögliche Flucht eines Arretierten begünstige. Auch hätte der Stadtmauerer und Zimmermeister von Furth (damals Anton Großer) als beigezogener Gutachter dieses Häusl für ein Arrestlokal als „zweckundienlich“ eingeschätzt. Dagegen habe er das Armenhaus, es war teils gemauert, wo sich auch die zwei „Nachtwächter“ zeitweise aufhalten, „baulich ausführbar und genügend zur Bewerkstelligung eines Arrestlokales gefunden“, da es „vor (der Möglichkeit des) Ausreißens hinlänglich befestigt werden kann“. Kein Verständnis zeigte der Magistrat, dass „dieses mit Kostenaufwand hergestellte Lokal jetzt nicht gebraucht werden kann“. Auch habe der „vormalige Stations Commandant“ (der Polizeibehörde) bei Begutachtung des Arrestlokals daran „nichts Widriges gefunden“. Mittlerweile war sogar die Regierung eingeschaltet. Die Königliche Regierung des Unterdonau-Kreises, Kammer des Innern mit Sitz in Passau forderte den Landrichter von Kötzting am 4. Juli auf, „er habe dem Magistrate zu Eschlkam zu bedeuten, daß er unverzüglich…ein anderes taugliches Arrestlokal auszumitteln habe…da das dermal projektierte Lokal als unbrauchbar erscheint“. Vier Wochen wurden der Gemeinde dafür Zeit gegeben.

    Eine Lösung gefunden

    Die Zeit verstrich jedoch bis zum 26. August. Da hatte der Marktrat – lange hatten die Gemeindebevollmächtigten in dieser Angelegenheit beratschlagt - nun eine Lösung gefunden. Man hatte „in einem unweit des dermaligen Gendarmerielokals entlegenen Bürgerhaus in dessen oberen Stocke ein Zimmer zum Arrestanten Lokal ausermittelt, welches nach meiner Ansicht für zweckmäßig anerkannt werde“, so die gutachterliche Feststellung des damaligen Vorstehers des Gendarmerie Stations Commandos, Christoph Schnabel.

    Das besagte Zimmer befand sich im Hause des Krämers Josef Bärtl, früher Haus Nr. 25, nun Waldschmidtplatz 8, gelegen also im Zentrum des Marktes unweit des Anwesens wo die Gendarmerie ihren Sitz hatte (vormals in Haus Nr. 2 / Waldschmidtplatz 10; später im Mauthaus Nr. 5 ½ / Waldschmidtstraße 4 ½). Vom Jahr 1734 an besaß die Krämerfamilie Bärtl bis 1837 dieses Anwesen, der heutige „Balsenbäck“. Am 25. Oktober genehmigte das Landgericht den Vorschlag der Marktgemeinde und forderte „zur Errichtung dieser Lokalität unverzüglich Anstalt zu treffen“, was auch geschah. Denn am 7. Dezember 1824 meldete die Marktgemeinde, „das neue Arrestlokal befindet sich dermal zu Gebrauch in Vollzug“. Damit war endlich für verdächtig herumziehende, nicht sesshafte Personen eine taugliche, kurzzeitige Unterkunft geschaffen.

    Dieser Zustand hielt offenbar nicht allzu lange an, denn 23 Jahre später, am 2. April 1847, berichtet der Königliche Landrichter von Kötzting an den Magistrat, am 23. Februar habe „bey Unterbringung eines aufgegriffenen Vaganten“ der Gendarm Stoiber, aus eigener Tasche für 6 Kreuzer Brennholz kaufen müssen, „um das Arrestlokal zu beheitzen, um (so) den Arrestanten vor Kälte zu schützen“. Dabei stellte sich heraus, dass der Arrestraum sich wiederum im Hüthause zu ebener Erde befand. Dadurch könne einem Arrestanten „durch das Fenster Werkzeuge gereicht werden“, um damit auszubrechen, so die Befürchtung der Behörde. Schleunigste Abhilfe wurde gefordert.

    Der Magistrat jedoch erwiderte, es fehle der Gemeinde einfach das nötige Geld „ein eigenes Gefängnis zu bauen“. Wenn auch die Lokalität vom Marktzentrum „etwas entlegen ist, so würden in diesem Hause doch mehrere Parteien wohnen, so dass eine Flucht rasch vereitelt werden könne, noch dazu „da der alte Soldat Bachmaier den Auftrag habe, gehörig zu wachen“. Damit schließt der Akt und die eigentlich untragbaren Zustände blieben zunächst noch bestehen.

     

    Werner Perlinger

  • Eschlkamer Bürger dienten als Geschworene auch bei den Schwurgerichten

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    Eschlkam. Im Marktarchiv finden sich Archivalien, die uns über die Bemühungen der Gemeindeführung unterrichten, auf staatliche Anordnung hin geeignete Persönlichkeiten unter der Bürgerschaft zu finden, damit diese künftig als sog. Geschworene bei den Schwurgerichtsverhandlungen eingesetzt werden können.

    Zunächst aber allgemeine Informationen zu diesem Themenbereich: Erst im Jahr 1924 löste der heute gängige Begriff >Schöffe< das ältere Wort >Geschworener< ab. Früher jedoch bestanden Geschworenengerichte vielerorts in unserem Lande. Diese Gerichtsbarkeit wurde nach der Revolution im Jahre 1848 in vielen Staaten des damaligen Deutschen Staatenbundes eingeführt, so auch in Bayern. Die Intention Geschworene bei den Gerichten eigentlich als ehrenamtliche Laienrichter einzuführen war, die Gerichte unabhängiger zu gestalten und auch die Willkür damals meist adeliger Berufsrichter zu begrenzen und der Gerechtigkeit innerhalb der Verfahren zum Durchbruch zu verhelfen.

    Wir befinden uns in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Erstmals im Jahr 1848, so die Aktenlage, hatte die Marktführung an das Landgericht Kötzting eine Liste von Bürgern zu schicken, die für die hoheitliche Aufgabe, als Geschworene an Gerichtsverhandlungen mitzuwirken, in Frage kommen könnten. Dazu gab es klare Anweisungen.

    Und so erreichte am 10. August 1848 den Markt ein Schreiben des Landgerichts Kötzting, hinweisend auf die Einführung der Schwurgerichte im gleichen Jahr, mit dem Auftrag „diejenigen Personen, welche sich nach diesen gesetzlichen Bestimmungen zu Geschworenen qualifizieren in ein Verzeichnis zu bringen, welches vom Bürgermeister und zwei Magistratsräten zu fertigen und in der Gemeinde während 14 Tagen im Rathause zu Jedermanns Einsicht auszulegen und wie geschehen öffentlich bekannt zu machen ist“.

    1849 wurden dem Markte mitgeteilt, welche Voraussetzungen die für die Wahl infrage kommenden Personen zu erfüllen hatten. So hatten die Aspiranten entweder das Amt eines Bürgermeisters, Magistratsrates oder Gemeindevorstehers zu bekleiden, oder sie hatten es wenigstens in den letzten 12 Jahren bekleidet; oder sie können einen akademischen Abschluss, vielleicht sogar mit Doktorgrad vorweisen; oder sie hatten vollständige Kunststudien an einer deutschen Akademie der bildenden Künste absolviert. Es genügte aber auch „jährlich an direkten Steuern einen Gesamtbetrag von wenigstens 20 Gulden entrichtet zu haben“, d.h. finanzielle Unabhängigkeit sollte vorliegen, wenn die erst genannten Bedingungen nicht gegeben waren. Man wollte so auch möglicher Bestechlichkeit einen Riegel vorschieben.

    Für das verantwortungsvolle Amt kamen nicht in Frage: gerade im Dienst stehende besoldete Staatsdiener und aktive Angehörige des Militärs; ferner „alle Individuen, welche ein geistliches Amt bekleiden, oder geistliche Funktionen verrichten“; dann auch Advokaten an den Gerichten, wo die ……..gehalten werden. Auch durfte ein Geschworener nicht unter 30 Jahre sein. Geistige wie auch körperliche Gebrechen waren ebenfalls Gründe für eine Ablehnung. Letztlich waren von der Wahl ausgeschlossen, „alle diejenigen, welche wegen eines Verbrechens oder wegen Vergehens der Fälschung, des Betrugs, des Diebstahls oder der Unterschlagung verurteilt worden sind“.

    Als ein Beispiel sei dem Leser die im Jahr 1858 von der Marktführung aufgestellte Liste für den Geschworenendienst unterbreitet. Darin aufgeführt sind neben dem Namen, das Alter, der Beruf und die Begründung für die Eigenschaft als künftiger Geschworener. Beigefügt wurde vom Verfasser noch der damalige Wohnsitz in Eschlkam:

    1) Joseph Neumeier, 51 Jahre, Gastwirt und Ökonom, Nr. 1 (Waldschmidtstraße 14), er erfüllt allein die geforderte Steuerquote in Höhe von 20 Gulden; 2) Andre Penzkofer, 41, Müller, Nr. 45 (Penzenmühle 1-3), ebenfalls aufgrund der Steuerquote; 3) Anton Saemmer, 41, Weißgerber, Nr. 44 (Kleinaigner Str. 25), zur Zeit Magistratsrat; 4) Franz Pfeffer, 40, Seifensieder, Nr. 60 (Marktstraße 15), Magistratsrat von 1845-51; 5) Anton Korherr, 54, Binder, Nr. 11 (Kleinaigner Str. 9), Magistratsrat von 1845-51; 6) Aloys Schmirl, 47, Schuhmacher, Nr. 41 (Blumengasse 5), zur Zeit (z.Z.) Bürgermeister; 7) Andre Pohmann, 52, Schuhmacher, Nr. 54 (Blumengasse 12), Magistratsrat von 1848-54; 8) Mathias Späth, 41, Gastwirt, Nr. 35 (Marktstraße 7), Mag. Rat 1851-57; 9) Georg Forster, 57, Anwesensbesitzer, Nr. 36 (Marktstraße 9), Mag. Rat 1851-57; 10) Wenzel Späth, 34, Ökonom, Nr. 5 (Further Straße 3), z.Z. Magistratsrat; 11) Joseph Lemberger, 39, Bäcker, Nr. 37/38 (Marktstraße 11), er erfüllt die Steuerquote; 12) Wolfgang Rieder, 43, Krämer, Nr. 61(Großaigener Str. 1), z.Z. Magistratsrat und letztlich Georg Sporrer, 43, Anwesensbesitzer, (Blumengasse 11), z. Z. Magistratsrat.

    Wer nun von diesen Personen im Jahr 1858 vom Landgericht Kötzting auserkoren bzw. berufen wurde, letztlich für eine weitere Periode als Geschworener am Schwurgericht in verantwortungsvoller Position wirken zu dürfen, geht aus der Aktenlage im Marktarchiv nicht hervor.

     

    Werner Perlinger

  • Das „Heimatrechth“ berührte viele Lebensbereiche - der Fall Anna Denzl

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    Eschlkam. Häufig hatten der Bürgermeister und seine Gemeinderäte im 19. und auch noch im 20. Jahrhundert über „das Recht auf Heimat“ bzw. das „Heimatrecht“ zu entscheiden, eine Maßnahme, die den Verantwortlichen oft wahrlich nicht leicht fiel.

    Das Heimatrecht beschreibt die Zugehörigkeit einer Person zu einer bestimmten Gemeinde, mit dem Wohnsitz als einem gebührend zu würdigenden Grund. Der Verlust trat nur infolge des Erwerbs einer andern Staatsangehörigkeit oder eines andern Heimatrechts ein. So hatte der Wegzug (damals auch: Überzug für Umzug) aus einer Gemeinde in eine andere nicht den Verlust des Heimatrechts zur Folge, vielmehr musste die Heimatgemeinde später den verarmten Heimatberechtigten notfalls wieder an- und aufnehmen und versorgen. Auch die Befugnis zur Eheschließung war von dem Besitz des Heimatrechts und von der Zustimmung der Heimatbehörde abhängig. Das Recht, Grundbesitz zu erwerben und ein Gewerbe zu betreiben, hing ebenfalls vom Heimatrecht ab. In Bayern galt das „Heimatrecht“ noch bis zum Jahr 1917.

    Wir schreiben das Jahr 1832. Da wendet sich am 14. Januar die Verwaltung der Ruralgemeinde (ländliche Gemeinde) Vorderbuchberg in schriftlicher Form förmlich an den Marktmagistrat und schildert, dass sich in Vorderbuchberg seit Jahren schon die ledige Inwohnerstochter Anna Denzl mit ihren „außerehelichen Kindern“ aufhalte und auf Vorhalt des Lehrers Reindl von Neukirchen mit dem Schulgeld in Höhe von 4 fl (Gulden) und 48 Kreuzer für ihre bereits schulpflichtigen Kinder „im Rückstand“ stehe. Lehrer Reindl drang auf baldigste Bezahlung, da die Denzl, „die ganz arm ist“, mittlerweile nicht mehr in Vorderbuchberg sich aufhalte, sondern am Multererhof. Deshalb müsse man, so die Ruralgemeinde, „an den wohlweisen Magistrat um Berichtigung dieses Ausstandes das Ansuchen stellen, da die Denzl ihr Heimatrecht in Eschlkam habe“.

    Die Eschlkamer ließen ich in dieser Angelegenheit zunächst Zeit. In einer längeren Stellungnahme versuchte der Marktrat zu begründen, dass die Denzl „eine neue Heimat in der Gemeinde Vorderbuchberg“ gefunden habe, nachdem sie als Kind nach dem Ableben ihrer Eltern zu ihrer dortigen „Freundschaft (nähere Verwandtschaft) kam, da erzogen wurde und circa mehr über 30 Jahre dort gelebt habe“. Demnach ist die „neue Heimath ihr zugestanden und von ihr erworben worden.“ Das fragliche Schulgeld – und nur darum ging es bei der ganzen Sache – sei deshalb von der Gemeinde Vorderbuchberg zu begleichen.

    Am 12. Juni kam es in der Sache „Heimath“ zu der Feststellung: „Anna Denzl, ehelich erzeugte Inwohnerstochter von Eschlkam, hat in dieser Gemeinde ihre Heimath anzusprechen.“ Die Tatsache, dass die Denzl mehrere Jahre in Vorderbuchberg lebte und (als Magd) diente, könne „ihre ursprüngliche in Eschlkam begründete Heimath nicht aufheben“.

    Einen Anwalt eingeschaltet

    Die Marktführung gab sich mit dieser Einlassung jedoch nicht zufrieden. Eingeschaltet wurde der Stiftungsanwalt für die Landgerichtsbezirke Cham und Roding, ein gewisser Dr. Parst. Er schreibt am 30. Juni an den Magistrat u.a.: „Hätte ich auch nur entfernte Hoffnung gehabt, in rubrizierter (speziell in dieser) Sache ein günstiges Urtheil zu bezwecken, so würde ich auch um Mitternacht den Rekurs (Gegenklage) ergriffen haben.“ Mit der Tatsache aber, dass die Denzl ihr ursprüngliches Domizil in Eschlkam besaß, eine angenommene Verjährung des Heimatrechts nicht wirksam sei, würde eine „Appellation nur zwecklose Kosten verursacht haben“, so der Anwalt in seiner Antwort. Nachdem der gesamte Vorgang durch seinen Konzipisten (Rechtsanwaltsanwärter) erledigt worden sei, empfahl sich Anwalt Parst „zu ferneren Diensten, und verharre mit bekannter Hochachtung, Dr. Parst, Stiftungsanwalt“. Das ganze Prozedere schließt mit einer Aufforderung des Landgerichts Kötzting an die Marktbehörde, den Schulgeldrückstand – mittlerweile angewachsen auf 6 Gulden 48 Kreuzer – „von der Anna Denzl zu erhollen, oder aber bey ihrer Unvermögenheit diesen Betrag aus dem Lokal-Armenfonde an den Schullehrer Reindl zu bezahlen“. 1 Gulden würde heute etwa einem Betrag von knapp über 6 Euro entsprechen. Verständlich wird der ganze Hergang erst dann, wenn man weiß, dass damals die Löhne für einfache Arbeiten im Vergleich zu heute extrem niedrig waren. Der Markt Eschlkam musste letztlich die Forderung des Lehrers Reindl begleichen.

    War man im Besitz des Heimatrechts wurde vom jeweiligen Magistrat dafür ein sog. „Heimatschein“ in Bedeutung einer Urkunde ausgestellt. So erhielt beispielsweise die Zolleinnehmerstochter Anna Maria Ruesch einen Heimatschein von der Gemeinde Flossenbürg im Jahr 1873 ausgestellt, da dort ihr Vater, der Zollbeamte Franz Jakob Ruesch von 1816 bis 1820 in tätig war. Im gleichen Jahr wurde er „quiesziert (in den Ruhestand versetzt) und starb dann 1822 in Eschlkam. Bereits 1792 ist in einer Steuerliste in Eschlkam als Mautgegenschreiber Karl Anton Ruesch als Bewohner des Anwesens Nr. 30/Waldschmidtplatz 3 erwähnt. Die Vorfahren der Ruesch oder auch Rues dürften aus der „Rußmühle“ bei Gleißenberg stammen, da dort im 17./18. Jahrhundert eine Familie Ruesch als Müller dieses Mühlenanwesen innehatten.

     

    Werner Perlinger

  • Napoleons Kriege – ein Bezug zu Eschlkam und den Hohenbogen-Winkel

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    Eschlkam. Die Völkerschlacht bei Leipzig, andauernd vom 16. bis zum 19. Oktober 1813 und ausgetragen zwischen 210.000 Franzosen und bis zu 310.000 Alliierten, forderte über 110.000 Tote und Verwundete. In diesem Schlachten fügten die verbündeten österreichischen, preußischen, russischen und schwedischen Truppen Napoleon die kriegsentscheidende Niederlage zu. Napoleon war gezwungen, sich nach Frankreich zurückzuziehen. Es kam am 9. März 1814zum Vertrag von Chaumont, in dem die Verbündeten gelobten, niemals mit Napoleon Frieden zu schließen und dagegen die Bourbonen wieder auf den französischen Thron zu setzen. Am 31. März nahmen die verbündeten Truppen Paris ein. Napoleon dankte am 6. April ab. Es folgte der Vertrag von Fontainebleau. Die Regentschaft der Bourbonen wurde wiederhergestellt und Napoleon nach Elba verbannt. Nach Beendigung der napoleonischen Herrschaft wurde von den Siegermächten der Wiener Kongress einberufen, um die Ordnung Europas nach alten, vorrevolutionären Maßstäben wiederherzustellen (Restauration). Zu einem kurzen Nachspiel der Freiheitskriege kam es im Jahr 1815 (während der Kongress schon im Gange war), veranlasst durch Napoleons eigenmächtige Rückkehr aus der Verbannung („Herrschaft der Hundert Tage“). Nach rascher Neuorganisation der Grande Armée und einem letzten Sieg in der Schlacht bei Ligny wurde Napoleons Herrschaft durch seine Niederlage gegen das aus Briten, Niederländern und Deutschen zusammengesetzte alliierte Heer unter Arthur Wellesley, dem Duke of Wellington und die verbündete Streitmacht Preußens unter General Gebhard Leberecht von Blücher in der Schlacht bei Waterloo endgültig beendet, so viel zu den turbulenten Verhältnissen in dieser Zeit.

    Wiedergutmachung erfolgte - 484 Gulden Schadensersatz für Eschlkam

    Es dauerte Jahre, bis an die infolge der imperialen Herrschaft und Kriege Napoleons leidende Bevölkerung in Bayern eine Wiedergutmachung und Ersatzleistungen erfolgten. Im Gemeindearchiv von Eschlkam haben sich dazu Unterlagen erhalten. Wir schreiben das Jahr 1822, als am 11. Juni der damalige Marktschreiber Franz de Paula Pach, Vater des Kunstmalers Alois Pach, eine Niederschrift anlegte, in der nur die hausbesitzenden Bürger aufgelistet wurden, da diese nun Anspruch auf eine Ersatzleistung für die in der Zeit vom 1. Oktober 1813 bis Ende März 1815 übernommenen Quartierlasten hatten. Der Titel des Aktes lautet: „Subrepartitionen über in Geldbezüge ab dem Franzosen für Lieferungen und Leistungen beim Markt Eschlkam“. So kompliziert diese gewählte Formulierung auch erscheinen mag, es ging schlicht um sog. Kriegsentschädigungen. Für diesen Zeitraum wurden landesweit an die kaiserlich königlichen österreichischen Truppen Verpflegungsgelder in Höhe von 7.735 Gulden ausgezahlt, wobei es galt, dass von jeder Gemeinde „2 des Schreibens kundige Männer zu erscheinen haben und abzuordnen sind“. Dafür wurden der Magistratsrat Andreas Lachs (er findet sich damals in Anwesen Nr. 52/Blumengasse 16) und der Gemeindebevollmächtigte Joseph Schreiner (Anwesen Nr.37/38/Marktstraße 11) zum Sitz des Landgerichts (hier Kötzting) abgeschickt, damit sie die für Eschlkam errechnete Quote in Höhe von 484 Gulden 42 Kreuzern in Empfang nehmen konnten.

    Am 11. Juni wurde die von den Quartierlasten betroffen gewesene Bürgerschaft vorgeladen und der „Maßstab der Vertheilung“ nach herkömmlicher Methode, nämlich „nach dem hierorts eingeführt üblichen Portionsfuß“ festgelegt. So entsprach eine „Portion“ dem Betrag von 3 Gulden 15 Kreuzer. Ein Laibl Brot kostete damals etwa 3 Kreuzer, 1 Maß Weißbier 4 Kreuzer; 60 Kreuzer entsprachen 1 Gulden.

    Pfarrhof als Quartier begehrt

    Allein Pfarrer Albert Wagner erhielt wegen „seiner in der nämlichen Quartierslast“ die gleiche Entschädigung wie der „erste großbegüterte Bürger Joseph Weber“ (heute Gasthof Penzkofer), nämlich jeder von beiden genau 29 Gulden und 15 Kreuzer für jeweils 9 Portionen. Hinsichtlich des Pfarrhofes ist dies insoweit verständlich als Pfarrhöfe aufgrund ihrer wirtschaftlich meist guten Ausstattung in erster Linie von den Offizieren einer Truppe als Quartier ausgewählt wurden. Unter „Portionen“ ist die Zahl wie auch der Umfang der jeweiligen Einquartierungen zu verstehen. Die weniger besitzenden Bürger wurden daher nur mit 1 bis 3 Portionen abgefunden. Insgesamt wurden die 484 Gulden 15 Kreuzer in 149 Portionen aufgeteilt. Mehrmals folgten bis 1832/33 noch weitere Zahlungen; offenbar immer nur dann, wenn der Staat dafür Geld zur Verfügung stellen konnte.

    Insgesamt dürfen diese, Jahre nach den Kriegen getroffenen Entschädigungsmaßnahmen des Staates, nur als ein „Tropfen auf den heißen Stein“ bewertet werden, wenn wir in Betracht ziehen, dass in Kriegszeiten gerade die hohen, aufgezwungenen Quartierskosten für durchziehende Truppen so manche Eschlkamer Bürger in eine erhebliche finanzielle Bedrängnis brachten. So wird beispielsweise fünf Jahre nach dem Österreichischen Erbfolgekrieg in einem Vertrag vom 1. Juli 1747 betont, dass die Familie Schmirl (Vorbesitzer von Joseph Weber, heute Gasthof Penzkofer) in den „jüngst verflossenen Kriegszeiten durch die viele zu prostieren gehabte Anlag (Kriegsanleihen) und Quartirs in eine hohe Schuldenlast verfallen“ sei (siehe dazu den Artikel „Die Übergabe des späteren Gasthof Penzkofer“).

     

    Werner Perlinger

  • Die früheste Darstellung des Marktes Eschlkam, 1514

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    Eschlkam. In einer ganzen Reihe von Aufsätzen wurden bisher verschiedene archivische Inhalte aus alten Akten des Marktes vorgestellt. An dieser Stelle sei erstmals ein Bild präsentiert, das Eschlkam vor gut 500 Jahren zeigt. So stammt diese älteste bisher bekannte Darstellung unseres Ortes aus dem Jahr 1514. Damals wurde im Zuge der andauernden Streitigkeiten zwischen Bayern und Böhmen um den Verlauf der Landesgrenze auf Befehl des herzoglichen Hauses der von bayerischer Seite her angenommene Grenzverlauf gezeichnet:

    Diese erste Grenzkarte, damals tituliert als „Grenzvisier“, zeigt detailliert das bayerisch-böhmische Waldgebiet zu unserem Nachbarland hin vom Voithenberg (Gibacht bei Furth) aus bis zum Großen Arber. Die Karte, deponiert im Bayerischen Hauptstaatsarchiv, ist im Original 4.30 Meter lang und fast einen halben Meter breit. Die Zeichnung im Stile der Donauschule (Albrecht Altdorfer) fertigte im Auftrag und beratenden Beisein des gerade amtierenden Grenzhauptmanns ein gewisser „Wolfgang, Maler zu Straubing“.

    Dazu noch folgende Erläuterungen: Das herzogliche Haus in München sah bald ein, dass mit der  um 1470 geschaffenen Pflege von Furth zusammen mit den sog. Unterpflegen Eschlkam und Neukirchen aufgrund der Grenznähe und den damit verbundenen häufigen Problemen mit Böhmen tatkräftige und energische Persönlichkeiten als Grenzhauptleute betraut werden mussten. So wurde mit der Hauptmannschaft vor dem „Behemer Waldt und Pfleg zu Furtt“ Sigmund von Seyboltstorff von Lichtmeß 1511 an betraut.

    Ein Zustandsbericht

    Die damals politisch vielfältigen Gründe für die Herstellung dieses Kartenwerks, sowie die Legende zu den einzelnen Orten und sonstigen wichtigen Punkten in der dargestellten Landschaft dieses sehr eindrucksvollen und informativen Kartenwerks sind andernorts bereits anschaulich und erschöpfend veröffentlicht, nicht aber die einleitende große Sammellegende dieser Karte, Der Text der die gegebenen politischenVerhältnisse schildernden Sammellegende in der Grenzkarte lautet auszugsweise:

    „Zu merckhen, daß ich Sigmund von Seyboltsdorff auf Ritterswörthe, derzeit Hauptmann vor dem oberen Wald (mit Sitz in Furth), auf Befehl der durchläuchtigsten hochgeborenen Fürsten, mein gnädigen Herrn Wilhelm und Herr Ludwig …, meine gnädigen Herren, den Wald mit guter gründlicher und wahrhaftiger Erkundung der Alten, so in etlichen Dörfern und Höfen ihre Väter und Freunde gehabt, auch daselbst gewohnet, welche Dörfer, Höfe und Güter vor etlichen Jahren durch die Beham (Böhmen im Hussitenkrieg und während der bayerischen-böhmischen Adelsfehden) verbrennt, die Leute darob erschlagen. Deshalb jetzt das denn ein lauter Wald ist; wiewohl die sichtigen (sichtbaren) Wismahder und Ackerrangen noch sichtiglich vor Augen sind, (und) so zu den angeführten Dörfern, Höfen und Gütern gehören und vor einiger Zeit durch mich und andere von Adel, auch sonst viel und trefflicher und glaubwürdiger Personen notdürftiglich besichtigt, beschaut und wahrhaftig erfunden, daß die Gründe alle und jeder – es seien Wald oder Wismad, Äcker, Berge, Fischwasser oder andere nichts ausgenommen, welche und was in dieser hierunteren Verzeichnung gemalt steht oder ist, gehört alles ohne Mittel zu dem Fürstentum Bayern …“,so der Anfang der für die Entstehung der Karte aussagekräftigen Erklärung des Grenzhauptmanns.

    Eschlkam im Bild

    In dieser Böhmerwald-Grenzkarte von 1514, einem Frühwerk anspruchsvoller Kartographie zu Beginn der Neuzeit, ist erstmals Eschlkam dargestellt. Wie die Schlossanlage in der Stadt Furth oder der Markt Neukirchen war anstelle einer Ummauerung auch Eschlkam nur mit einem Palisadenzaun zum Schutze gegen ungebetene Gäste umgeben. Wieso der Markt nicht größer dargestellt werden konnte, erklärt sich allein schon aus folgender Einwohnerentwicklung:

    Nach einer Steuerliste vom Jahr 1477 zählte der Markt etwa 30 Jahre nach den massiven, sicher auch mehrfachen Zerstörungen im Hussitenkrieg nur 16/17 Anwesen. In den Jahren 1507 und 1515 wurden wiederum nur 16 Mannschaften (das sind die Familien, die ein Anwesen bewirtschafteten) gezählt; 1534 waren es immer noch 17, wobei zwei erst bauen sollten. Um die Mitte des 16. Jahrhunderts konnten bereits 29 Mannschaften gezählt werden; 1554: 30 Mannschaften. Im Jahr 1580 waren es bereits 50. Dies beweist wie zäh und schwer nach der langen Kriegszeit der Wiederaufbau etwa ab Mitte des 15. Jahrhunderts anlief.

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

    Bildunterschrift: Mit diesem zugleich ältesten Bild aus unserer Gegend werden wir so über das bauliche Aussehen der Häuser im Hohenbogen-Winkel informiert. Auch wenn einzelne Anwesen nur skizzenhaft wiedergegeben sind, so lassen sich gerade für Eschlkam eindeutig gemauerte, aber auch ganz gezimmerte Häuser erkennen, wobei der Typ >Waldlerhaus< mit seinem nur leicht geneigten breiten Satteldach klar erkennbar ist. Die Dächer der Anwesen sind mit Stroh oder Legschindeln eingedeckt. Nur die Kirche mit Turm zeigt ein rotes Ziegeldach. Über dem Ort steht in einer Vignette der Name „Eschlchamb“. Links oben erkennen wir noch Häuser des Dorfes Kleinaign. Die Pflegerfamilie Pfeil wird in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts Inhaber der Hofmark Kleinaign. Erst etwa um die Mitte des 16. Jahrhunderts beginnt der Wiederaufbau der in den Hussitenkriegen zerstörten Schlossanlage.

     

    Werner Perlinger

  • Die Aufnahme von Bürgern – eine Entscheidung des Marktrats

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    Eschlkam. Die Bürger, wohnend in einer Stadt oder in einem Markt, konnten verschiedene Freiheiten genießen. Aber: neben vielen Rechten hatten sie auch Pflichten zu erfüllen. Um Bürger zu werden, musste der Bewerber einen Antrag stellen, der schließlich vom Bürgermeister und Marktrat geprüft und beschieden wurde. Die Marktführung war bei der Verleihung stets sehr vorsichtig. So gehörte früher beispielsweise die Wehrpflicht zur allgemeinen Bürgerpflicht. Im Kriegsfalle mussten die Bürger ihren Markt Eschlkam mit den eigenen Waffen verteidigen, militärisch organisiert in der uns bekannten „Grenzfahne“. Auch hatten sie Steuern zu zahlen und helfen eventuelle Schulden mit abzutragen. Gemäß weiterer Bedingungen musste man schließlich von ehelicher Geburt sein, einen guten Leumund besitzen und einen gesicherten Nahrungsstand sowie Haus- oder Grundbesitz oder ein Mindestvermögen vorweisen, oder selbstständig ein Handwerk ausüben können. Das Bürgerrecht, das in der Regel zunächst die Ehefrau und die unmündigen Kinder miteinschloss, war für diese nicht erblich.

    Im Marktarchiv haben sich Protokolle erhalten, die „Burgers Aufnahmen“ enthalten. Sie beginnen im Jahr 1793, am 2. Jänner. Die Niederschrift schildert im Detail die Beweggründe, warum Franz Weß aus Kleinaign zu einem Bürger des Marktes Eschlkam aufgenommen wurde. Leicht verkürzt lautet das dafür eigens vom Marktschreiber gefertigte Protokoll: „Durch Erheurathung der Anna Seiderer hiesig lediger Burgers Tochter hat der Franz Weß, lediger Leinwebers Sohn von Kleinaigen das von der Seiderin Vater Johann Georg besessene Burgershaus cum pertinentys (mit Zubehör) erlangt, daher er Weß das gehorsame Bitten gestellt, es mechte ihm das Burgerrecht ertheilt werden (Hsnr. 48/Blumengasse 24). Hierauf will man demselben für einen Burger hiermit und dergestalten an- und aufgenommen haben, daß er gegen seiner vorgesetzten Obrigkeit (hier die Marktbehörde) den schuldigen Respekt erzeigen: zu einem Burgerrecht aber erlegen solle er 15 Gulden.

    Ähnlich die nächste Aufnahme: am 21. März gleichen Jahres ehelicht Joseph Schreiner, Bauerssohn von Großaign, Anna Maria Schreiner, „burgerliche Haimeters Tochter allhier“, und erlangt so „das von Ihrem Stiefvater Johann Georg Wensauer besessene „Haimet Gut“ (Hsnr. 37/38/Markstraße 11). Gehorsam bittet er, es wolle ihm das Bürgerrecht in Eschlkam erteilt werden. Dafür hatte er 21 Gulden zu zahlen.

    Den Exerciergulden gezahlt

    1795, am 24. Februar heiratete Anton Hastreiter, lediger Bäckerssohn, Walburga, die Tochter des „Bökenmüllers“ und kam damit in den Besitz dieser Mühle (Nr. 46/Bäcker Mühle Nr. 1). Zugleich hatte er das Bürgerrecht von seinem Vater erblich erlangt und wurde im Gegensatz zu den Vorgenannten nur mit dem der Landesherrschaft zustehenden „Exercier Geld“ von nur 1 Gulden belegt. Dieser sog. (Bürger)gulden wurde vom Staat als „Exerciergeld“ seit 1771, als die bayerische Regierung die Landfahnen und somit auch die Grenzfahne im Hohenbogen-Winkel aufgelöst und das stehende Heer eingeführt hatte, als ein Beitrag zum Unterhalt dieses neuen Landesmilitärs eingezogen. Am 2. März erhält der noch ledige Wolfgang Stauber, von Beruf ein Uhrmacher, von seinen Eltern Thomas und Theresia Stauber das Haus überschrieben und er erlangte damit als „hausansessiger Burger das Burgerrecht“, belegt auch nur mit dem „Exerciergeld“ von 1 Gulden (Hsnr. 22-einst neben Marktstraße 2). Dagegen hatte Michael Schmatz, „Insassenssohn“ (seine Eltern besaßen kein eigenes Haus) am 27. August 1796 zehn Gulden zu entrichten, denn er ehelichte Theresia Späth und kam so in den Besitz des Hauses seines Schwiegervaters Joseph Späth (Hsnr. 20/Marktstraße 1).

    Michael Seidl, gebürtig aus „Böheim“ (Böhmen), heiratete die Tochter Anna „des Limböck, burgerlicher Zimmermann und Bronnrichter“ (er baute und reparierte die Brunnen) und erwarb damit dessen „Behausung“ (Hsnr. 56/Blumengasse 8).  Als ein „auswärtiger“ (in diesem Fall vom Ausland) bat er um das Bürgerrecht. Diesem Umstand schenkte der Marktrat am 15. November 1796 vermehrt Aufmerksamkeit: In der Zuversicht, dass er sich allen bürgerlichen Bedingungen und Satzungen unterwerfe, seine Ablagen getreulich entrichte, und gegen der Obrigkeit den gebührenden Respect erzeige, „will man denselben Magistrats seits das Burgerrecht hiemit, und dergestalten ertheilen, daß er hierwegen zur Marktskammer zu erlegen schuldig seyn solle 10 Gulden, dann zur Burger Tax 2 und zum Exercir gulden 1 Gulden“.

    Dagegen musste Joseph Schneider zehn Tage später, am 25. November 1796, nur 1 Gulden sog. Exerciergeld zahlen, nachdem er mit Heirat der Anna Hölzl auch das Haus ihrer Eltern übernehmen konnte (Hsnr. 13/Kleinaigner Straße 12).

    Jahrzehnte später, im Jahr 1826 stellte der Schlosser Joseph Römisch ein Gesuch, in Eschlkam ansässig werden zu können. Römisch stammte aus einer alten traditionsreichen Schlosserfamilie in der benachbarten Stadt Furth. Nur einer seiner Brüder konnte in der Stadt den elterlichen Betrieb übernehmen. Da ergab sich die Möglichkeit, benachbart in Eschlkam durch „Verehelichung mit der hiesigen bürgerlichen Schloßerstochter Anna Gruber, wie auch Conceßionsverleihung der auf dem Gruberischen Behausung ruhenden realen Schloßersgerechtigkeit“ im Markte (Hsnr. 68/Großaigner Straße 6) ehelich und berufsmäßig Fuß fassen zu können. Am 20. Juni 1826 erschien Römisch im Rathaus, begleitet von seinem zukünftigen Schwiegervater, dem Schlossermeister Joseph Gruber und dessen Tochter, und gab sein entsprechendes Gesuch ab. Zugleich legte er „Behelfe“ (Beweise) über seinen guten Leumund, die Pflichtableistung beim Militär und einen „Vermögensausweis“ vor. Zwei Tage später war es soweit: Am 22. Juni stimmten die Gemeindebevollmächtigten – es waren neun an der Zahl – der Aufnahme des Römisch „als Gemeindeglied“ und neuen „Ortsbürger“ einstimmig zu. Eigenhändig unterschrieben das Protokoll die Markträte Anton Hastreiter, Michael Meidinger, Jakob Fischer, Anton Riederer, Joseph Scheppl, Franz Rötzer, Andre Kilger, Wolfgang Stauber und Joseph Schreiner.

    Das seien nur einige Beispiele wie die Marktbehörde von Eschlkam es vor über 200 Jahren gepflogen hatte, das begehrte Privileg des „Bürgerrechts“ zu erteilen.

     

    Werner Perlinger

  • Das alte Mauthaus in Eschlkam wurde im Jahre 1827 erbaut

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    Eschlkam. Gastwirt und Metzger Joseph Späth errichtete aus eigenen Mitteln das imposante Gebäude für die Zollbehörde Eschlkam. Nachdem Kurfürst von Bayern, Max III., Joseph am 01. Januar 1806 die Königswürde annahm, erging zum 01. Januar 1808 eine neue Zoll- und Mautordnung. Durch diese Verordnung wurde die Zollverfassung und Zollverwaltung mit einer Generalzoll- und Mautdirektion an der Spitze neu geordnet und dabei das Zollwesen selbstständig gemacht. Aufgrund königlicher Anordnung vom 16. September 1819 wurden im Rahmen dieser neuen Zollverordnung in Bayern die lange Zeit schon bestehenden Mautämter aufgehoben. Auf den Hauptkommerzialstraßen, wo der Handelsverkehr unterwegs war, wurden dafür Oberzollämter mit einem Oberzollbeamten an der Spitze errichtet. Ein solches Oberzollamt entstand im Jahr 1819 in Eschlkam und das zur Zollstation degradierte Furth wurde diesem unterstellt. Vorsteher des Oberzollamtes in Eschlkam wurde der Oberzollbeamte Karl Ruesch.   

    Da nur die eine Straße über Eschlkam, die andere, aber mittlerweile stärker frequentierte Straße über von Furth aus über Vollmau nach Böhmen führte, war der Standort des Oberzollamtes in Eschlkam durch diese verkehrliche Wendung gefährdet. Noch sind die Würfel zu Gunsten der Stadt nicht gefallen; die Behörde war noch nicht verlegt. Bei dieser Lage wollte am 11. Juli 1826 die „Königlich Baierische Zoll Inspection des Regen- und Unterdonau Kreises“ wissen, wie hoch der Mietzins für die Amtslokalität und die Wohnung des Oberbeamten in Eschlkam wäre. Drei „Quartiere“ hatte dafür die Marktführung vorgeschlagen. Es waren dies die Anwesen des Joseph Lemberger (Nr. 37/38-Marktstraße 5), Joseph Schöppl (Nr. 34-Marktstraße 5) und Joseph Späth (Hsnr. 5-Further Straße 3). Alle drei Häuser lagen günstig an der für den Zoll wichtigen Straße zur Landesgrenze bei Neuaign.

    Ein Hin und Her

    Zugleich fragte am 14. Juli 1826 die kgl. Bayerische Zollinspektion des Regen- und Unterdonaukreises bei der Stadt Furth nach geeigneten Gebäuden für ein Oberzollamt nach. In der Stadt wurde schließlich 1828 das Oberzollamt offiziell eingerichtet. In Eschlkam verblieb nach Aufhebung des Oberzollamtes lediglich ein Zollamt, das nunmehr dem Oberzollamt Furth unterstand. 1834 wurde in Folge einer neuen Zollordnung das Oberzollamt Furth wieder aufgehoben und in Eschlkam ein Hauptzollamt errichtet und dorthin die Further Behörde verlegt. Soviel zur Zollgeschichte im Hohenbogen-Winkel in diesen Jahren.

    Aber gerade die Planungen hinsichtlich des Standorts einzelner Zollbehörden im Jahr 1826 wurden für den Bürger und Gastwirt Joseph Späth zu einem gewaltigen wirtschaftlichen Problem, denn er hatte im Vertrauen auf das Verbleiben des Oberzollamtes im Markte für diese Behörde im Jahr 1827 allein nur aus eigenen Mitteln einen repräsentativen Bau unmittelbar neben seinem Anwesen errichtet, das ehemalige sog. „Mauthaus“ (Nr. 5 ½/Waldschmidtstraße 4 ½). Nur Joseph Späth ergriff die Initiative, vertrauend auf den Verbleib des Oberzollamtes in Eschlkam, für diese für den Markt wichtigen Behörde neben seinem Gasthaus ein eigenes Haus zu bauen, gewiss sehr mutig und ein gewaltiger finanzieller Kraftakt. Das Oberzollamt zog zunächst auch ein, und mit den sicheren Mieteinahmen versprach sich Späth nicht nur die Deckung der Baukosten sondern langfristig auch einen finanziellen Gewinn.

    4000 Gulden gekostet

    Sichtlich von der dennoch drohenden und wenig später eintretenen Verlegung enttäuscht, richtete der „Tafernwirt“ und Metzger Späth am 21. Mai 1828 einen langen und inhaltlich interessanten Brief sogar „an Seine königliche Majestet von Bayern (König Ludwig I.), allerhöchstes Staatsministerium der Finanzen“. Er schrieb u.a., er habe 1826 zunächst sein Gasthaus für die Unterbringung der Behörde „zum Opfer gebracht. Um aber noch mehr zu tun, faßte ich den Entschluß (wohl noch 1826), ein ganz neues Haus zu bauen, um dem Zollbeamten ein allseitig entsprechendes Lokal, und dem Beamten eine tüchtige Wohnung zu verschaffen“. Den Bau, „der mich über 4000 Gulden kostete, richtete ich nach dem Bedarfe eines Oberzollbeamten ein“. So beinhaltete das Erdgeschoß eine geräumige Kanzlei, die Registratur, 2 Zimmer und eine Küche. Im Stock darüber waren 4 Zimmer, eine neue Küche mit Speise. Ebenfalls 4 Zimmer und eine Küche waren in der Etage darüber. Späth erinnerte auch, dass es seit der Inbetriebnahme wohnmäßig über mangelnde Bequemlichkeit keinerlei Beschwerden gegeben habe. Er bedauerte, dass er bei Verlegung der Behörde in die Nachbarstadt „in eine traurige Lage versetzt werde“. Die Verlegung betrachtete Späth als einen für ihn „unersetzlichen Verlust“. Auch habe er, gestützt auf amtliche Zusicherungen, zunächst sein gut gehendes Gasthaus mietmäßig hergeben und „sogar ein ganz neues Gebäude mit einem so großen Kostenaufwande hergestellt, daß mir nur durch einen langen Zeitverlauf und ausschließend durch den Sitz des Oberzollamtes in etwas ersetzt zu werden vermag…die Folge wäre (bei Abzug der Behörde) ein unverdienter Ruin, der umso schwerer fiele, als die Veranlaßung (zu bauen) in Versicherungen amtlicher Autorität gegeben war“. Letztlich betont Späth, „daß nur Eschlkam zum Sitzes Oberzollamtes schon ausschließend nach örtlicher Lage qualifiziert sei“. Und er bittet den König „der Versetzung der Zollbehörde nicht statt zu geben“.

    Erfolg hatte Späth mit seinem Appell nicht, aber es verblieb - wie oben schon erwähnt – die Unterbehörde in Eschlkam. Wenige Jahre später, 1834, wurde Eschlkam nun wieder Sitz eines Oberzollamtes. Das Mauthaus des Joseph Späth erfüllte dann über Jahre seine ihm zugedachte Aufgabe. In ihm wurde 1832 der bekannte und geschätzte Volksschriftsteller Maximilian Schmidt, zu Lebzeiten noch genannt „Waldschmidt“, als Sohn des Zollinspektors Adalbert Schmidt geboren. Das alte Mauthaus wurde 1985 abgerissen und 1994 als Neubau ein 6-Familienhaus errichtet, der stilistisch an seinen Vorgänger erinnert.

     

    Bildunterschrift: Das Luftbild zeigt den gesamten Anwesenskomplex der Familie Xaver Späth in den 50er Jahren; links das Mauthaus, ein dreigeschoßiger fast würfelförmiger Bau mit einem Walmdach. An der Nordseite wurde für den Schriftsteller Maximilian Schmidt, genannt „Waldschmidt“, 1897  eine Gedenktafel angebracht. (Bildnachweis: privat)

     

    Werner Perlinger